Amerika kriegt keine gute Presse in Deutschland. Es sei oberflächlich, gewalttätig und sozial rückständig – das Gegenteil von Europa. Das ist die eine Seite. Die andere ist ein hemmungsloser Nachahm-Effekt, der weit über Rock und Pop, Fast Food und Coke hinausgeht.

Derlei Amerikanisierung ist längst eingepreist. Wirklich erstaunlich aber sind uramerikanische Gebräuche, die sich neuerdings so zügig verbreiten wie Bagels und Cream Cheese. Nehmen wir drei Events (früher: "Ereignisse"), die sich im Herbst zusammenballen. Halloween hat mit dem deutschen Allerheiligen, dem christlichen Fest am 1. November, nichts zu tun. Ein Hundert-Prozent-Import aus Amerika, ist Halloween praktisch der Nationalfeiertag deutscher Kids. Dann hüllen sie sich in gruselige Kostüme, um mit "Süßes oder Saures?" die Nachbarschaft abzuzocken.

Thanksgiving (22. 11. in diesem Jahr) ist amerikanische Zivilreligion pur. Seit einigen Jahren erobert es die feineren deutschen Esszimmer – inklusive Turkey und Cranberrys, aber ohne den historischen Hintergrund, den amerikanischen Gründungmythos. Ein Jahr nach der Landung am Plymouth Rock im Jahre 1620 zelebrierten die Pilgerväter ein Fest, um Gott (und den hilfreichen indianischen Nachbarn) für ihr Überleben in der Wildnis zu danken. Im Bürgerkrieg machte Abraham Lincoln den letzten November-Donnerstag zum gesetzlichen Feiertag. An Old Germany hat er dabei nicht gedacht.

Black Friday – die Einkaufsorgie am Tag danach – ist plötzlich so deutsch wie der Tannenbaum. Wieso "black"? Es heißt, dass die Kaufleute an diesem Tag schwarze Hände vom Geldzählen bekämen – oder die Einkaufsstraßen schwarz vor Menschen seien. Welche Deutschen kennen diese Bedeutung? Dennoch zelebrieren sie den Black Friday in den Konsumtempeln der Nation.

Das kulturlose Amerika muss irgendwie cool sein; anders kann man den Nachahm-Effekt nicht erklären. Verständlich ist noch, dass deutsche Eltern ihre Kinder in Harvard oder Stanford unterbringen wollen. Doch ergeben Halloween, Thanksgiving und Black Friday keinen Sinn. Zitieren wir aber den früheren französischen Außenminister Hubert Védrine. Der schreibt Amerika "diese psychologische Macht" zu, "die Fähigkeit, die Träume und Sehnsüchte anderer Länder zu formen" – mit Produkten, Bildern und Gebräuchen.

Warum ausgerechnet Amerika? Weil es so groß und mächtig ist? Das sind China oder Russland auch, aber sie strahlen kaum aus. Als sich Arthur Koestler über die Amerikanisierung echauffierte, fügte er hinzu: "Europa hat das ganze Paket gekauft, weil wir es haben wollten." Man muss bis ins 18. und 19. Jahrhundert zurückgehen, um ein anderes kulturprägendes Land, Frankreich, zu finden. Der Große Fritz schrieb französisch.

Amerika, darf man vermuten, ist die Dampfwalze der Moderne. Wer jenseits der Alten Welt ein Start-up auflegt, kann anders als Europa mit seinen 3000 Jahren Vorlauf Konventionen einfacher abschütteln und das Neue schneller erfinden, zum Beispiel die Heißmahlzeit namens "Hamburger", die weder Besteck noch Geschirr erfordert.

Kultiviert ist der Hamburger nicht, aber sehr praktisch – so wie iPhone, SUV und Netflix. Kein Wunder, dass wir "das ganze Paket kaufen". Doch auch den Black Friday? Er ist eine Werbemasche, richtig. Aber warum funktioniert sie?