Wenn man dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger glaubt, ist der Fall klar: "Liebe SPD, ihr könnt Hartz IV getrost entsorgen. Es ist nicht mehr als eine ökonomische Quacksalberei." So formulierte es Bofinger vergangene Woche per Twitter. Dass Hartz IV zum Rückgang der Arbeitslosigkeit beigetragen habe, dafür gebe es überhaupt keinen wissenschaftlichen Beweis, behauptet der Professor, der auf Vorschlag der Gewerkschaften im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sitzt.

Bofinger bestreitet nicht, dass heute viel weniger Menschen arbeitslos sind als vor den Reformen. Aber ihm zufolge hat der Aufschwung am Arbeitsmarkt nichts mit den Arbeitsmarktreformen zu tun. Das, so verkündete Bofinger schon vor über einem Jahr, sei nur ein "großer Mythos". Diese These griffen damals bereits viele Medien auf. Ausführlich berichtete etwa das ARD-Magazin Monitor.

Doch der Wissenschaftler Bofinger lässt in seiner Quacksalber-Schelte viele Studien von Wissenschaftlern einfach unerwähnt, die zu anderen Ergebnissen kommen als er. Und ähnlich machte es Monitor. Dabei sind viele Experten überzeugt, dass die Hartz-Reformen sehr wohl zur Trendwende am deutschen Arbeitsmarkt beigetragen haben. Korrekt müsste man wohl sagen: Es gibt widersprüchliche Forschungsergebnisse.

Diese Vieldeutigkeit überrascht nicht, denn den Effekt politischer Beschlüsse auf eine Volkswirtschaft zu messen ist schwierig. Zu viele Faktoren ändern sich gleichzeitig. Und anders als in einer Laborsituation lässt sich nie prüfen, was passiert wäre, wenn die Regierung anders entschieden hätte. Trotzdem versuchen Wissenschaftler mit den unterschiedlichsten Methoden den Effekt der Hartz-Reformen abzuschätzen.

Bofinger meint, dass sich die Konjunktur nach 2005 unabhängig von den Reformen verbessert hat. Deshalb versucht er konjunkturelle Einflüsse herauszurechnen. Danach wäre die Zahl der Arbeitslosen bis 2016 in Westdeutschland "nur" um 350.000 gesunken. Und im Osten um 820.000, wo Sondereffekte aufgrund der Transformation der ostdeutschen Wirtschaft entscheidend gewesen seien. "Das Hartz-Wunder", konstatiert er, "hält sich also in engen Grenzen."

Differenzierter fällt das Urteil von Andrey Launov und Klaus Wälde aus. Sie entwickelten ein Simulationsmodell, um den Rückgang der Arbeitslosigkeit zwischen 2005 und 2008 zu analysieren. Danach sollen zwei Teile der Hartz-Reformen für rund 27 Prozent des Rückgangs in diesen drei Jahren verantwortlich gewesen sein. Die Reform der Vermittlungsarbeit (Hartz III) bewirkte laut ihrem Modell 22 Prozent, die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe (Hartz IV) nur knapp 5 Prozent. Andere Reformteile untersuchte das Forscher-Duo nicht.

Dutzende andere Experten kommen mit anderen Modellen und für andere Zeiträume zu wiederum abweichenden Ergebnissen. So ermittelten die Ökonomen Michael Krause und Harald Uhlig im Jahr 2012, dass die Reformen die Arbeitslosenquote um 2,8 Prozentpunkte gesenkt hätten. Dagegen errechneten Tom Krebs und Martin Scheffel 2013 einen dauerhaften Reformeffekt von 1,4 Prozentpunkten. Im vergangenen Juli veröffentlichten Christian Merkl und drei Co-Autoren auf Basis neuer Daten eine weitere Analyse. Danach senkten die Reformen die Arbeitslosenquote um 2,6 Prozentpunkte. Dies entspräche etwa 1,7 Millionen weniger Arbeitslosen.

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Die jüngste Studie ist erst in diesem Monat erschienen. Benjamin Hartung, Philip Jung und Moritz Kuhn haben darin Millionen Erwerbsverläufe vor und nach den Hartz-Reformen ausgewertet. Dabei stellten sie fest, dass die Arbeitslosigkeit nicht gefallen ist, weil viele Arbeitslose neue Jobs fanden, sondern weil weniger Menschen arbeitslos wurden. Während viele Untersuchungen darauf schauen, was sich bei den Arbeitslosen tat, rückt nun in den Vordergrund, was die Reformen bei den Beschäftigten bewirkten. Womöglich haben sie aus Angst vor Hartz IV niedrigere Löhne akzeptiert, in jedem Fall wurden deutlich weniger Arbeitsverhältnisse beendet. Dieser Untersuchung zufolge ist der Einfluss der Hartz-Reformen ganz erheblich: Ohne sie läge die Arbeitslosenquote heute 50 Prozent höher.

Wahrscheinlich wird auch diese Studie nicht das letzte Wort sein. Die unterschiedlichen Ergebnisse legen nahe: Mit letzter Sicherheit wird sich womöglich nie klären lassen, wie groß der Anteil der Reformen an der erstaunlichen Trendwende am deutschen Arbeitsmarkt ist.