Der schönste Moment an diesem Tag in der Holsten-Brauerei begibt sich, als Olaf Rauschenbach einfach anfängt, die Holsten-Klischees in den Raum zu lachen. Diese Sprüche, Kalauer, Klassiker, die natürlich kennen sollte, wer in dieser Stadt lebt. Holsten knallt am dollsten, ja! Die Hopihalido, die Holstenpilsenerhalbeliterdose! Holsten Edel geht in’ Schädel, immer gut!

Die Pressedame schüttelt verzweifelt den Kopf. Findet sie ganz schlecht, dass ihr Brauer das wieder ins kollektive Gedächtnis zitiert. Aber leider, also leider für sie, ist er nicht zu stoppen. Sähe er auch nicht ein, sich marketingbegründet zu verbiegen. Rauschenbach sagt, er habe ja gedacht, dass die Sprüche aussterben, aber nee, die Sprüche leben weiter. Und vielleicht ist das gut so. Heißt am Ende doch nur, alle kennen Holsten. Und von allen, die Holsten kennen, kennt er Holsten am dollsten. Auch wenn er das so nie sagen würde.

Rauschenbach, grandioser Name für einen Mann in seiner Position, setzt sich jetzt, nach der Pointenkanonade, an den Tisch, um sein Tagwerk zu verrichten. Ein fensterloser Testraum, leere Flaschen, Zapfanlage unter Neonlicht. Und Rauschenbach, weißer Kittel, Senior Quality Manager offiziell, ins Deutsche übersetzt Leiter Qualitätssicherung, in den Alltag übersetzt: Olaf, die Zunge, Olaf, der Gaumen. Gralshüter, Meinungskönig, Geschmacksinstanz für allerhand Biere, die zu seiner Brauerei gehören: Holsten, Astra, Duckstein und andere.

Wenn Rauschenbach sagt, dass mit einem Bier was nicht stimmt, dann stimmt mit einem Bier was nicht. In der Regel stimmt natürlich alles, das sei fairerweise erwähnt. Die Fehlerquote ist minimal. Rauschenbach sorgt dafür, dass ein Astra immer schmeckt wie ein Astra, indem er jedes Astra, das nicht wie ein Astra schmeckt, aus der Produktion nimmt. In einer Stadt wie Hamburg, die sich ihrer Biertradition rühmt, kein unwichtiger Posten. Angesichts der Menge auch, die sie von Altona in Region und Land schicken: 60.000 Flaschen werden in der Stunde je Anlage befüllt, bis zu hundert Lkw werden am Tag verladen, was knapp 120.000 Kisten Bier entspricht. Um mal eine schöne Thomas-Gottschalk-Saalwetten-Veranschaulichung zu benutzen: Würde man 100.000 Bierkisten hintereinander stellen, wären die sechzig Kilometer von Hamburg bis Lübeck zugepflastert.

Was nicht bedeutet, dass Rauschenbach sich hektoliterweise durchtrinken muss. Er und sein Team nehmen kleine Proben aus der großen Marge. Und so führt er jetzt, früher Morgen noch, das erste Glas zum Mund. Nippt, schmatzt. Ein Bier muss, anders als Wein, geschluckt werden, weil für Bitternoten der hintere Teil der Zunge zuständig ist. Keine Spuckeimer deshalb. Rauschenbach und seine Tester sind per Satzung die einzigen Mitarbeiter, denen Alkohol auf dem Brauereigelände erlaubt ist. Sonst gilt Schankverbot.

Bier bedeute Identität, findet Rauschenbach. Es gibt Biere auf dem deutschen Markt, erklärt er, eine Probe ins Licht haltend, die sind objektiv mies, werden von manchen aber geschätzt. In die subjektive Wahrnehmung spielen Aspekte hinein, die Rauschenbach nicht beeinflussen kann. Verbundenheit zur Marke. Oder ein Vater, der nur das eine Bier trank, was sich auf Tochter oder Sohn vererbt. Bier als, es wird jetzt geradezu romantisch, sozialer Schmierstoff, als Band zwischen den Generationen.

Und die Probe hier, Herr Rauschenbach? Ach so, ja, also, sehr gut, absolut im Rahmen, zu vermerken sind: ausgeprägte Vollmundigkeit, im Geschmack leicht fruchtig, markant im Geruch, aber alles gewollt, gleichsam die Farbe, EBC-11, ein schöner Honigton. Keine Beanstandungen.