Wenn etwas das Leben besser macht, dann, mal richtig auf die Fresse zu bekommen. Das formt den Charakter. Ich erinnere mich noch an mein erstes Mal. Ich hatte mich beim Universitätssport zu einem Boxkurs angemeldet. Nach ein paar Wochen war ich gut genug, um zu sparren, aber weil wir so wenige waren, konnte ich mir meinen Partner nicht aussuchen. Der Typ, der mir zugelost wurde, war etwa 1,90 groß, wog 100 Kilogramm und sah aus, als sollte er in einer Jugendstrafanstalt sitzen. Ich kann mich nicht mehr an die Einzelheiten des Kampfes erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich am Anfang der Runde dachte: "Warum guckt der so komisch?", zwischendurch: "Okay, er will mich umbringen", und am Ende, unter den ganzen Schlägen, die auf mich einprasselten, den absoluten Anfängerfehler machte: Ich nahm den Kopf nach unten. Der Typ landete einen Aufwärtshaken, und meine Nase explodierte wie ein Geysir. Das Blut hörte erst auf zu spritzen, als eine der Teilnehmerinnen sich erbarmte und mir einen Tampon in die Nase steckte (mit Silk-Touch-Oberfläche, für noch mehr Komfort). So eine Erfahrung macht bescheiden.

Ich erinnerte mich daran, weil ich kürzlich auf der Suche nach einem neuen Sport war. Denn hier geht es ja darum, sein Leben zu verbessern; und die einfachste Möglichkeit ist immer körperliche Ertüchtigung. Sporttrends sind jedoch selten wirklich neu, sie kommen und gehen und kommen wieder, ein bisschen so wie Leggins oder Fila-Schuhe. Es hängt auch davon ab, wo man gerade nach einem Trendsport sucht. In Hamburg sagte man mir, es würden jetzt alle bouldern, also klettern ohne Seil an niedrigen künstlichen Kletterwänden. Ich komme allerdings aus einem Land, in dem es Berge gibt (Bayern), und habe meine Kletterphase hinter mir. Eine Freundin aus Berlin erzählte mir vom Spinning, stationäres Fahrradfahren indoor, aber irgendwie habe ich schon vor Jahren davon gehört.

Ich entschied mich also für Brazilian Jiu Jitsu, auch etwas lässiger BJJ genannt. BJJ ist eine Form von Bodenkampf, die bei Sicherheitskräften, Navy Seals und Mixed-Martial-Arts-Kämpfern sehr beliebt ist. Dabei lernt man, liegend zu kämpfen, was mir so praktisch wie bequem erschien. Griffe und Würfe sind erlaubt, Schläge und Tritte verboten. Erfunden haben es die beiden brasilianischen Brüder Carlos und Hélio Gracie schon vor etwa hundert Jahren. Sie lernten Judo von dem Judoka Mitsuyo Maeda und entwickelten die Kampfkunst weiter. Angeblich war Hélio zu klein und zu schwach, um die meisten Judo-Techniken auszuführen. Weshalb er sie zu seinen Gunsten modifizierte.

Ich ging also zu einem Probetraining in meiner Stadt. Und sofort erinnerte ich mich daran, was Kampfsportkurse so toll und so furchtbar macht. Die Kameradschaft, der Respekt, die Fortgeschrittenen, die eigentlich erst später dran wären, aber bei den Neuen mitmachen, damit sie mehr Training bekommen. Die beschissene Luft in dem mit rauen Matten ausgelegten Raum, das Stechen in der Lunge und die verdammten Eigengewichtsübungen. Die erste Stunde verbrachte ich damit, mir Brandwunden an Zehen und Beinen zuzufügen, indem ich mich mit Armen und Ellbogen den Raum entlang über den Boden zog. Dann ging ich mit einem anderen Neuling zusammen, einem netten Blonden namens Patrick, und wir legten uns zum Kennenlernen abwechselnd mit vollem Gewicht auf das Brustbein des anderen und versuchten, dessen Arme zu fixieren. In der zweiten Stunde folgten mehr Brandwunden, dazu Kniebeugen, den Rest der Zeit setzte sich ein sympathischer Kerl namens Ivo auf mein Gesicht. In der dritten Stunde legte ich mich wie ein umgedrehter Käfer auf den Rücken, streckte die Beine hoch und versuchte, mich nur durch den Einsatz meiner Bauchmuskeln einmal durch den Raum zu bewegen. Danach lernte ich, wie ich jemanden zu Boden ringe, seinen Arm zwischen meine Beine nehme und sein Gelenke unter Einsatz meiner Hüfte so lang und heftig überdehne, bis er keine Lust mehr hat, mir auf die Fresse zu hauen.

Die vierte Stunde verpasste ich, weil ich im Büro blieb, um diese Kolumne zu schreiben. Ich wäre lieber von irgendeinem verschwitzten Mann in einen Würgegriff genommen worden. Alle Alltagsprobleme, die einen plagen, schwinden nämlich dahin, wenn einem die Luft ausgeht. Vielleicht werde ich beim nächsten Mal ja mit diesem großen griechischen Glatzkopf gepaart, der immer laut "Malaka" brüllt. Ich spüre praktisch schon, wie er sich mit dem Ellbogen auf meinem Hals abstützt und sich langsam aber sicher mein Charakter formt.