Wenn ein Westdeutscher fachkundig über den Osten referiert, ist das dem Ostdeutschen schnell verdächtig. Drei Verdachtsfälle muss der Westdeutsche am besten alsbald ausräumen: Erstens, dass er gar keine Ahnung habe. Zweitens, dass er eh nur ein gutes Geschäft machen wolle. Drittens, dass er dieses Geschäft auch noch zum Nachteil des Ostdeutschen zu machen versuche.

So viel zur Aufgabe in Halle/Saale, vorige Woche bei der Regionalkonferenz der CDU: Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn stehen vor Parteimitgliedern aus Sachsen und Sachsen-Anhalt und versuchen, fachkundig über den Osten zu referieren. Die drei sind hier gewissermaßen im Reaktor der Wut, sie wissen: Wer CDU-Chef werden, irgendwann sogar ins Kanzleramt einziehen will, muss eine Antwort finden auf die Unzufriedenheit. Und wo ist die größer als hier?

Es ist schon ein historischer Widerspruch, dass die Wut im Osten ausgerechnet in einer Zeit losbrach, in der eine Ostdeutsche die Regierung und die CDU anführte. Und dass jetzt, wo diese Ostdeutsche ihren Abgang angekündigt hat, drei Westdeutsche das Rezept finden müssen gegen den Bauchschmerz. Was bringen sie dafür mit?

Nun: Es nützt überhaupt nichts, drum herumzureden, denn es ist eben das, was direkt auffällt – Annegret Kramp-Karrenbauer, die erste Rednerin des Abends, spricht die Sprache "der Leute". Jedenfalls in dieser Halle und jedenfalls in einem sehr direkt gemeinten Sinne. Sie ist in Völklingen geboren, im Saarland. Und schon bei ihrer Begrüßung der örtlichen CDU-Granden ("Lieber Reiner, lieber Michael, lieber Holger Stahlknecht") zuckt man zusammen. Der Singsang, die rundgerollten Worte, das kennen wir doch? Ja, Saarländisch! Das Sächsisch des Westens. Und so böse es ist, sosehr man sich gleich für dieses Urteil schämt, so wahr ist es doch auch, dass man als Ostdeutscher sofort denkt: Wie der Honecker! Der erste Saarländer, der den Osten regiert hat. Fairerweise muss man sagen, dass mit Herkunft und Dialekt die Gemeinsamkeiten dieser beiden Figuren wirklich abrupt enden.

Kramp-Karrenbauer hat an diesem Abend eindeutig ein Ziel: zu beweisen, dass sie weiß, was den Ostdeutschen wichtig ist. Dass man deren Umbruchskompetenz betont, den Weg des Ostens durch den Sturm der tobenden Zeiten vielfach lobt. Sie hat also verstanden, was die Leute hören wollen.

Und das zieht sie groß auf!

Mehr noch: Ohne es zu sagen, erweckt sie den Eindruck, dass sie in Wahrheit im Grunde selber eine Ostdeutsche sei, also im Geiste. Wegen ihrer Großtante. Die, 1901 noch im Kaiserreich geboren, habe ihr saarländisches Dorf nie verlassen, aber im Laufe ihres Lebens sechs Pässe gehabt. "Sie hat erlebt", ruft Kramp-Karrenbauer, "dass auf einmal, trotz harter Arbeit, das, was sie erarbeitet hat, nichts mehr wert war." Umbruchskompetenz! So schnell wird der Westen zum Osten. Kramp-Karrenbauer bezeichnet das Saarland sogar – hören wir richtig? – als "Zonenrandgebiet".

Da deklariert sich doch eine zur Ossi! Will sie nur ein gutes Geschäft machen? Skeptisch blicken ihr die Leute in der Hallenser Halle entgegen.

Nicht, dass Kramp-Karrenbauer nun abbremsen würde, sie beginnt mit einem Lob des Ostens der dicksten Sorte: "Wenn ich heute hierherkomme, in diese Region, die so viele Veränderungen überstanden hat, und muss mir anhören, das sei der rückständige Teil Deutschlands – genau das Gegenteil ist der Fall, es ist der fortschrittliche Teil!"

Nein, das hier sei keine Gegend, die sich in den Westen zu integrieren habe. "Sie haben Ihre eigene Lebensleistung, und darauf können Sie stolz sein!"

Das gibt nun natürlich Applaus.

Friedrich Merz, der zweite Redner, hat es da naturgemäß schwerer. Erstens, er beherrscht das Saarländische nicht. Zweitens, er stolpert gleich bei der Begrüßung: Er überlegt exakt eine Sekunde zu lange, ehe ihm der Name des sächsischen Ministerpräsidenten einfällt.

Drittens, er spricht eine Verkäufersprache, die im Osten schnell problematisch wird. Vor jedem Satzende macht er eine Pause, sodass man denkt, nun komme etwas Großes, aber das kommt gar nicht ("Wir nennen uns christlich-demokratische ... Union" – "Die Lage ist nicht ... einfach"). Das ist jetzt wieder uncharmant, aber er erinnert damit, nur so vom Duktus, ein winziges Bisschen an die Staubsauger-Verkäufer, die 1993 vor der Haustür standen (und ein gutes Geschäft machen wollten, teils auch zum Nachteil des Ostdeutschen): "Das ist der beste Staubsauger, der macht alles ... sauber."