Alina Oehler (27) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Viele Menschen freuen sich bereits am vorweihnachtlichen Taumel. Diese Weihnachtsliebe hat mit Weihnachten aber eigentlich nicht viel zu tun. Spätestens wenn ich in den Einkaufskörben neben dem Kitsch und den Geschenken die "Weihnachtsmänner" entdecke, wird mir wieder schmerzlich bewusst, dass die meisten Menschen dieses Fest eher wegen der eigenen Familie feiern und nicht wegen der Heiligen aus Nazareth. Das gilt für Atheisten und Agnostiker sowieso, aber ich kenne auch Muslime, die an Weihnachten unter einem Tannenbaum im Wohnzimmer zusammenkommen, weil es so schön ist. Eine reiche Zeit für romantische Behaglichkeitsmomente, eine lukrative für die Industrie.

Weil der weihnachtliche Glanz eine so große Anziehungskraft ausübt, sollte er nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Kirchen vor Ort die Hochsaison in der Akquise einläuten.

All die Menschen, die das Jahr über dem Gottesdienst fernbleiben, sind in diesen Wochen schließlich immer mal da – und begegnen schlimmstenfalls Predigern, die sie rügen, weil sie an Sonntagen lieber auf dem Sportplatz sind. Immer wieder werden diese potenziellen Interessenten auch abfällig "Weihnachtschristen" genannt, weil sie nach Heiligabend wieder weg sind.

Doch das verfehlt, zu sehen, dass durch die Adventszeit aus ihnen Christen werden können, die den Spannungsbogen nach Weihnachten halten und bis Ostern bleiben. Und vielleicht darüber hinaus. Noch lassen die Gespräche vor der Kirchentür keinen Zweifel: Vor dem nächsten großen kirchlichen Familienanlass werden sie nicht wiederkommen. Es gibt aber auch Gemeinden, die die Advents-Chance erkennen und über das übliche Programm hinaus Weihnachtsangebote für Kirchenferne entwickeln. Davon kann es nicht genug geben. Manchmal genügt es schon, abends im Advent die Kirche in Kerzenlicht zu tauchen, die Tür offen zu lassen und Passanten hereinzubitten, die sich von der Atmosphäre und den Adventsliedern, die drinnen gesungen werden, angezogen fühlen.

Diese Begegnungen sind auch ein guter Moment, um von dem zu sprechen, was wir eigentlich glauben, und in einfachen Worten zu erklären, warum diese Kirche nicht nur drei Tage im Jahr schön und wichtig ist. Gerade weil das Glaubenswissen immer weniger wird (das Interesse aber nicht), sind Feiertage gute Gelegenheiten, um das große Ganze zumindest anzudeuten. Dabei hilft auch die Kraft der Musik.

Weihnachtskonzerte verdienen eine inhaltliche, gar eine theologische Erklärung in Form eines Vortrags oder Gesprächs und nicht nur als Broschüre. Viele Besucher spüren intuitiv die Tiefe von großen Werken wie Bachs berühmtem Weihnachtsoratorium. Wenn sie diesen Hunger eher in Kulturforen stillen als in Kirchen, ist das für Gemeinden eine verpasste Chance.