Wenn stimmt, was über die kleinen Zwillinge Lulu und Nana berichtet wird, dann schreiben die beiden Mädchen mit ihrer Geburt Geschichte. So wie Louise Brown vor 40 Jahren als erstes Retortenbaby Schlagzeilen machte, wären Lulu und Nana die ersten Kinder mit einem gezielt künstlich veränderten Erbgut. Falls denn die Meldung tatsächlich so zutrifft.

Am Montag schreckte die Nachrichtenagentur AP weltweit sowohl die Öffentlichkeit als auch die Fachleute auf. In einem Interview gab der chinesische Wissenschaftler He Jiankui von der Southern University of Science and Technology of China in Shenzhen bekannt, er habe mit seinen Kollegen in die Erbanlagen von im Labor gezeugten Embryonen eingegriffen. Ziel der Intervention mithilfe der Gen-Schere Crispr/Cas9 war es offenbar, ein Gen namens CCR5 auszuschalten. Man weiß schon länger, dass Mutationen von CCR5 bei europäischstämmigen Menschen auch natürlicherweise vorkommen können – und dass sie mit dieser natürlichen Genveränderung gegen eine HIV-Infektion geschützt sind.

Lulu und Nana, die beiden Genom-editierten Mädchen, sollen bereits vor Wochen geboren worden sein. Das verkündete der chinesische Forscher ausgerechnet einen Tag vor Beginn des Second International Summit on Human Genome Editing an der Universität Hongkong. Die dort versammelten Fachleute dürfen dieses Vorpreschen als Affront verstehen. Denn bei der Konferenz soll es um international gültige Regeln dafür gehen, ob – und wenn ja, unter welchen Umständen – Wissenschaftler die Erbanlagen von Embryonen modifizieren dürfen. Und wo die ethischen No-go-Areas liegen. Immerhin werden solche Eingriffe an die folgenden Generationen weitergegeben.

Ist der Coup aus Shenzhen nun eine wissenschaftliche Sensation? Und wurde dafür aus ethischer Sicht der Rubikon überquert? Handelt es sich um einen verantwortungslosen Menschenversuch? Alles scheint möglich – von einem komplett missglückten PR-Gag bis zu einem selbstherrlichen Alleingang, vorbei an allen staatlichen Instanzen in China.

Es ist daher kaum möglich, die Situation (Stand: Redaktionsschluss am Dienstag) wirklich zuverlässig einzuschätzen; es gibt keinerlei unabhängige Bestätigungen, keinen veröffentlichen Fachartikel. Aus verschiedenen Gründen wäre die Arbeit von He Jiankui jedenfalls keine Glanztat der Forschung. Es ist seit geraumer Zeit klar, dass Genome-Editing bei Menschen machbar ist. Es hat nur niemand getan – mit gutem Grund. Denn viele Forscher bezweifeln, dass die Technik Crispr/Cas9 derzeit treffsicher genug ist, um sie jetzt schon in den Reproduktionskliniken einzusetzen – sie fordern ein Moratorium.

Und: Der Zweck rechtfertigt nicht die Wahl der Mittel. Der Versuch wurde von den chinesischen Wissenschaftlern unternommen, so deren Begründung, um die Kinder vor einer möglichen HIV-Ansteckung zu schützen. Der Vater soll mit dem Virus infiziert sein. Das erscheint wenig einleuchtend, denn es gibt hinreichend Möglichkeiten, solche Kinder vor HIV zu schützen.

Zudem scheint der gentechnische Eingriff auch noch – falls er stattgefunden hat – teilweise gescheitert zu sein. Berichtet wird, dass wenigstens eines der beiden kleinen Mädchen ein "genetisches Mosaik" ist – bei dem genchirurgischen Eingriff wurde nur ein Teil der Zellen im Embryo modifiziert. Die Folge: Viele Körperzellen des Babys tragen nun den CCR5-Defekt wie geplant, viele aber auch nicht. Das Kind wäre so keineswegs gegen HIV resistent, stattdessen aber womöglich viel stärker gefährdet durch Grippe und das gefürchtete West-Nil-Fieber. Der Defekt im CCR5-Gen schwächt nämlich die Immunantwort gegen diese Erreger, auch wenn er gegen HIV schützt. Im schlimmsten Fall wären die beiden Mädchen in Shenzhen durch den Eingriff zu Schaden gekommen, im zweitschlimmsten handelt es sich um einen untauglichen Versuch mit untauglichem Ziel.

Was bleibt, ist die vermeintliche Sensation: die ersten genmanipulierten Babys. Die Schauervision vom Designerkind erhält neue Nahrung.