Würde man Christoph Neemann ein glückliches Händchen nachsagen, wäre das für den Ingenieur aus Schenefeld bei Hamburg eher eine Beleidigung als ein Kompliment. Dass er an der Börse in diesem Jahr so viel Erfolg hatte und seine Aktien seit Jahresbeginn um fast 60 Prozent zugelegt haben: Alles kein Zufall, ist Neemann überzeugt. Der 41-Jährige, der hauptberuflich bei einem Windkraftunternehmen arbeitet und seit 20 Jahren Geld an der Börse anlegt, sagt über seine Strategie: "Hier würfelt niemand."

Sein Erfolg ist bemerkenswert, denn dieses Jahr hat Anleger immer wieder verunsichert. Im Februar gab der US-Börsenindex Dow Jones innerhalb eines Tages um fast zehn Prozent nach – er erholte sich zwar wieder, aber die Nervosität blieb. Auch der Deutsche Aktienindex Dax gab an einigen Tagen deutlich nach und verlor seit Jahresbeginn mehr als zehn Prozent seines Werts. Und trotzdem gibt es natürlich Anleger, die sich auch in schwierigen Zeiten behaupten. So wie Christoph Neemann.

Wie Neemann investiert, lässt sich genau beobachten. Er hat sein Geld über Wikifolio angelegt, das ein bisschen wie Facebook funktioniert, aber eben für Aktionäre: Amateur-Anleger und Profi-Investoren zeigen und diskutieren auf der Plattform, wie sie mit ihrem Geld spekulieren. Ihre mehr als 20.000 Portfolios sind öffentlich einsehbar, und in rund 7800 von ihnen kann man als Nutzer investieren – und so auf die Anlage-Ideen anderer Nutzer wetten, zum Beispiel auf den "Minus Sinus Select" von Christoph Neemann (ISIN DE000LS9KBH7). Fast 500.000 Euro haben andere Anleger schon in seine handverlesene Aktienmischung investiert; und weil sie Gewinn gemacht haben, hat Neemann von Wikifolio etwas mehr als 1000 Euro Erfolgsprämie kassiert.

Und Neemanns Erfolgsrezept? Er verzichtet auf Zockerei und schließt Hebelprodukte aus, die im besten Fall extreme Gewinne abwerfen, schlimmstenfalls aber auch im Totalverlust enden können. Zugute kommt ihm seine Berufserfahrung: Jahrelang hat der Ingenieur und Betriebswirt als Finanzchef bei einer Kosmetikfirma gearbeitet und dort Unternehmen bewertet. Wenn er Geschäftsberichte liest, weiß er die Zahlen zu interpretieren. Jene acht Unternehmen, in die er investiert hat, seien eben unterbewertet, sagt Neemann. Er hat zum Beispiel Aktien von Zumtobel gekauft, einem Produzenten von Leuchtensystemen – der habe einen Wechsel im Management hinter sich und würde wahrscheinlich wieder profitabler.

In seiner Auswahl schimmert zudem Neemanns Ausbildung durch: "Vom Kopf her bin ich Ingenieur." So setzt er zum Beispiel auf Aktien von Clinuvel, einem australischen Unternehmen, das sich mit seinen Produkten auf seltene Hautkrankheiten im Bereich Lichtsensibilität spezialisiert hat. Ihm ist es wichtig, langfristig zu denken: Anleger, sagt Neemann, machten oft den Fehler, auf Papiere zu setzen, die sich in den letzten Monaten besonders gut entwickelt haben.

Wie sich Dax, MSCI World und Minus Sinus 2018 geschlagen haben

Quelle: boerse.ard.de © ZEIT-Grafik

In diesem Punkt stimmt Neemann ein Profi zu: Ansgar Guseck, Vorstand und Fondsanalyst beim Finanzdienstleister Sauren, wo er mit vier Kollegen einen sogenannten Dachfonds verwaltet: Dabei handelt es sich um einen Fonds, der nicht direkt in Aktien investiert, sondern sein Geld in andere Fonds steckt, die ihrerseits in Aktien investieren. Das hilft den Managern, das Risiko zu streuen. Die Schwierigkeit für Guseck liegt darin, Fonds zu finden, die auf Dauer rentabel sind – womöglich sogar etwas rentabler als der Marktdurchschnitt.

Ein gutes Beispiel ist laut Guseck "Sauren Select Global Growth Focus" (ISIN LU0115579376). Von Jahresbeginn bis zum Sommer legte der Fonds um acht Prozent zu – fünf Prozentpunkte mehr als der Index MSCI World, der die Entwicklung von mehr als 1600 Aktien aus aller Welt widerspiegelt und als wichtige Vergleichsgröße für breit streuende Aktienfonds gilt. Doch Anfang Oktober gaben die Kurse nach: Wer zu Jahresbeginn in einen börsengehandelten Indexfonds (ETF) auf den MSCI World investiert hätte, der hätte, Stand Mitte November, nun sogar einen besseren Schnitt gemacht als mit dem Sauren-Fonds. Zumal der nicht gerade billig ist: Wer investiert, muss einen relativ hohen Ausgabeaufschlag von fünf Prozent bezahlen, dazu kommen jährlich 0,7 Prozent Vergütung für das Management und die Verwaltung des Fonds. Für einen ETF hingegen sind zumeist weniger Gebühren fällig, viele kommen ohne Ausgabeaufschlag aus.