Kaum zu glauben, aber es war zu lesen, dass britische Unternehmer daran denken, ihren Angestellten Chips einzupflanzen. Auch wenn es kaum zu glauben ist, hat man sich das nicht immer so vorgestellt? In 4.0 oder Die Lücke, die der Rechner lässt wird dieses Problem grundlegend thematisiert.

Das Buch ist eine Fundgrube voller atemberaubender Behauptungen über die Zukunft. Ausgangspunkt ist "die vierte Medienepoche der Menschheitsgeschichte": Es begann mit der Epoche der Mündlichkeit. Dann folgte die Epoche der Schriftlichkeit, darauf die des Buchdrucks, und jetzt sind wir in der Digitalisierung gelandet. Oralisierung, Alphabetisierung und Literarisierung haben wir hinter uns, aber nichts davon können wir vergessen. Eine These ist, dass die Medien die Psyche beeinflussen, wenn sie sie nicht ganz und gar strukturieren. Das heißt: Jeder Mensch setzt sich selbst in der Art zusammen, die ihm die Kommunikation seiner Zeit ermöglicht oder aufzwingt. Der schöne Abschnitt über die Liebe ("Die Liebe, oder du in meiner und ich in deiner Welt") scheint mir dagegen romantisch.

Hübsch ist die ironische Diskrepanz, die zwischen der Zartheit des Inhalts und dem Soziologendeutsch entsteht. Die Liebe wird sein, was sie eh schon ist, in der Leidenschaft zum Beispiel "abgekühlt auf das alltäglich Mögliche". Aber es kommt in der Zukunft etwas hinzu, das zum sine qua non der Liebe wird: die Rücksichtnahme. Es ist die Identitätspolitik der Intimität: "Unabweisbar wird zugestanden, wie anders der andere ist."

In der Einleitung steht bei Baecker das von ihm nicht entschiedene Problem: "Die einen hoffen, dass das Projekt der Digitalisierung die Voraussetzungen dafür schafft, dass das Projekt der Moderne fortgeführt werden kann, indem es die Instrumente bereitstellt, die den Zugang aller zu allen Bereichen der Gesellschaft ermöglichen. Die anderen befürchten, dass es das Projekt der Moderne auf perverse Weise beendet, indem die Teilnahme aller an der Gesellschaft nicht mehr eine Frage der individuellen Entscheidung, sondern der kollektiven Erfassung ist."

Folgt man Baecker, dann arbeitet die Politik der nächsten Gesellschaft nicht bloß mit Medien, sondern sie "medialisiert sich selbst". Eine Analogie dazu zitiert Baecker das Futuristische Manifest von einst, dessen Vorschläge aufzählten: "die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale und den Faustschlag". Überaus lehrreich Baeckers Ausführungen über die Wut als Bestandteil der politischen Gefühle. Ein prekärer, erst recht autoritärer Ausweg wäre wohl die Herrschaft der Experten, "die sich an das Gefühl wendet, mit Gefühlen nicht weiterzukommen".

Dirk Baecker: 4.0 oder Die Lücke, die der Rechner lässt. Merve Verlag, Leipzig 2018; 272 S., 22,– €