Unter Deutschlands Schülern grassiert ein merkwürdiges Phänomen, es ist eine Art Persönlichkeitsspaltung. Morgens und abends leben sie in der digitalen Welt, die sich in rasender Geschwindigkeit verändert; tagsüber versuchen sie, sich für diese Welt zu rüsten – in Schulen, in denen Overheadprojektoren verstauben, Computerräume Museen gleichen und Lehrer morgens Schlange vorm Kopierer stehen. 97 Prozent der Jugendlichen besitzen ein Smartphone, 99 Prozent der Schulen besitzen Kreide.

Doch jetzt ist etwas Überraschendes passiert: Eine ganz große Koalition aus Union, SPD, FDP und Grünen hat gerade eine Grundgesetzänderung beschlossen. Fünf Milliarden Euro sollen an die Schulen fließen. Schüler könnten Tablets bekommen, Klassenräume Whiteboards, Schulen gutes WLAN.

Künftig soll der Bund in "Qualität und Leistungsfähigkeit der Bildungsinfrastruktur" investieren dürfen – dafür wollen die Parteien das Grundgesetz ändern. Fünf Milliarden, der größte Teil vom Bund, wären ein Aufbruch, der die Schulen schnell und dauerhaft verändern könnte.

Bislang muss der Bund sich aus den Schulen raushalten; die Bundesländer sind für sie zuständig. Bildungsföderalismus nennt sich das, es bedeutet, dass es 16 Schulsysteme gibt, mit unterschiedlichen Leistungsstandards. Wenn eine Familie mal eben auf die andere Mainseite zieht, von Hessen nach Bayern, kostet das den Umzugslaster eine Stunde, die Kinder ein Schuljahr.

Milliarden-Geschenke haben einen Preis. Der Bund mit seinen vollen Kassen kauft sich Einfluss bei den Ländern, von denen viele Finanzprobleme haben. Beim Glasfaserkabel wird das nicht aufhören. Zählt zu "Qualität und Leistungsfähigkeit" nicht auch, dass man das WLAN wartet, Lehrer fortbildet, Standards setzt?

Dass sich der Bildungsföderalismus modernisieren muss, wenn sich die Schulen modernisieren sollen, braucht niemanden zu bekümmern. Im Gegenteil: Es ist richtig und notwendig, dass der Bund hier Verantwortung übernimmt. Erstens verläuft der Wettbewerb nicht mehr zwischen Bundesländern, sondern zwischen Weltregionen. Zweitens machen es die unterschiedlichen Koalitionen in den Ländern – von der Jamaika- über die Kenia- bis zur Mezzomix-Konstellation – nicht leichter, Entscheidungen auszuhandeln, wie man gerade im Bundesrat sieht. Drittens kommt das Bildungssystem mit der Entwicklung der Welt nicht mit, die einen schwindelig macht, weil sie so "vuca" ist, wie man in Start-ups sagt – volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig (ambiguous) zugleich. Das Geld des Bundes bringt nicht nur digitale Ausstattung in Schulen, es kann ihnen ihre selbst verschuldete Langsamkeit austreiben.

Doch die Entdeckung der Schnelligkeit und der digitalen Möglichkeiten allein wird nicht ausreichen. Es gibt zwei weitere große Anstrengungen, bei denen Bund und Länder mit Energie und Geld zusammenwirken müssen.

Zuallererst bei der Gerechtigkeitsfrage. Die Länder haben es in Jahrzehnten nur unzureichend geschafft, die Schulen gerechter zu gestalten: Noch immer verlassen Zehntausende junge Menschen die Schulen ohne Abschluss. Noch immer haben Arbeiterkinder schlechtere Chancen. Noch immer gibt es zu viele Brennpunktschulen, an denen die Lehrer mit ihren Kräften am Ende sind.

Warum soll auf den Digitalpakt nicht ein Gerechtigkeitspakt folgen? "Wohlstand für alle heißt heute Bildung für alle", sagte Angela Merkel, als sie vor zehn Jahren die "Bildungsrepublik" ausrief. Was wäre, wenn man "Bildung für alle" ernst nähme? Auch hier kann übrigens die Digitalisierung helfen: Algorithmen messen, was Schüler können, und schlagen den Schwachen Aufgaben vor, die sie besonders fördern.

Allerdings bringt ein digitales Upgrade nichts ohne ein inhaltliches Update. Tablets ohne Pädagogik sind bloß Gimmicks. In der alten Schule haben Lehrer ihre Schüler auf Fehlerfreiheit und Perfektion getrimmt. Die neue Schule muss alle dazu bringen, anders zu lernen: auch mal etwas Unfertiges abzugeben, Prototypen zu entwickeln, Disruption zu erkennen, das Scheitern zuzulassen. Auch Lehrer müssen Scheitern lernen – es wird viele Situationen geben, in denen ihre Schüler mehr über die digitale Welt wissen oder können als sie selbst.

Die neue Schule muss Schüler und Lehrer auch dazu befähigen, dass sie verstehen, wann Technik nützt und wann sie schadet. Dass es gut ist, wenn alle on sind. Dass es aber manchmal besser ist, die Technik auszuschalten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Hinweis der Redaktion: Wir haben einen Satz aktualisiert. Ursprünglich hieß es: "Doch jetzt könnte etwas Überraschendes passieren: Eine ganz große Koalition aus Union, SPD, FDP und Grünen versucht gerade, sich auf einen "Digitalpakt" zu einigen."