Ich musste eine kleinere Straftat begehen, um den Tapir zurückzuholen. Mein Freund und ich hatten uns getrennt, ich fuhr zu seiner Wohnung, als ich recht sicher sein konnte, dass er nicht da war, und beschwatzte den Nachbarn mit dem Ersatzschlüssel, mich kurz hineinzulassen – irgendeine hochkomplexe Geschichte mit Impfpass und überstürzter Reise nach Tadschikistan. In Wahrheit stopfte ich, einmal eingelassen, sofort den babyblauen, etwa handgepäckgroßen Tapir aus Frotteestoff in meine Tasche. All die anderen Geschenke, die ich dem akut Verflossenen im Lauf von drei Jahren gemacht hatte – Bücher, Pullover, eine Uhr –, ließ ich zurück, sie sollte er ruhig haben oder auf den Müll werfen, mir egal. Nur den Tapir nicht, den hatte ich selbst gemacht.

Ewigkeiten hatte ich an seinem aufgestickten, ironisch-freundlichen Schiefmund gearbeitet, bis der Ausdruck in Kombination mit den aufgeklebten Wackelaugen perfekt war. Ähnlich knifflig ist das Geschenk, an dem ich gerade arbeite: Ich töpfere an einer Keksdose in Form eines bemützten Wesens, das halb wie ein Erdmännchen und halb wie Mark Forster aussieht, die äußerlichen Übergänge sind da ja fließend, was ich erst neulich entdeckt habe und nun in einem kleinen Knetwerk dokumentieren möchte. Das Forstermännchen wird ein Weihnachtsgeschenk, wer es bekommen wird, weiß ich noch nicht, es will gut überlegt sein. Ich mache mir wenige Illusionen, was die Beliebtheit von Selbstgemachtem angeht.

Gebastelte Geschenke sind so etwas wie die Rosinen des Gabentisches: Die meisten Menschen würden sie am liebsten aus ihrem Geschenkemix picken, weil sie sie nicht mögen (was die rosinenverherrlichende Redewendung ignoriert). Ich kenne sogar Menschen, die bei jedem Schenkanlass vorher frech verlangen: Aber bitte nichts Selbstgemachtes! Vermutlich sitzt diese Ablehnung so tief, weil man an die – nach Abzug aller sentimentalen Gefühligkeiten – windschiefen Scheußlichkeiten denkt, die man als Kind für die lieben Eltern, Onkel, Tanten fabrizierte. In Gips für die Ewigkeit konservierte Patschehändchen mit Plakafarbenguss, der ikonische Inbegriff des Murksgeschenks.

Die Urform des selbst gemachten Geschenks findet sich übrigens im Töpfchen, sagt Sigmund Freud: Das Kleinkind kann die Zuneigung und Nahrungsgaben seiner Eltern mangels Erwerbstätigkeit nicht mit einem materiellen Gegengeschenk erwidern, es kann nur den Wunsch der Eltern erfüllen, nicht in die Windeln zu machen. Die wunschgemäß im Töpfchen platzierte Ausscheidung nennt Freud das "erste Geschenk". Da ist man Jahre später mit einem schief umschnörkelten Türschild "Hier wohnt Familie Schmölke" aus Modelliermasse vergleichsweise exzellent beschert.

Prinzipiell kann ich die Abneigung gegen Bastelwaren sogar verstehen, ich bin auch kein Fan des seit Jahren grassierenden Handarbeitskults, des Manufakturenwahns und des Zwangs, nur noch Kuscheldecken und gefilzte Topfuntersetzer zu kaufen, bei denen man die Familienverhältnisse des herstellenden Kunsthandwerkers bis in die dritte Schwippschwager-Ebene nachvollziehen kann. Doch sobald Weihnachten näher rückt, werde ich zum fleißigen Bastelbiber.

Das hat natürlich auch egoistische Gründe, denn basteln macht mir viel mehr Spaß, als einem tütenbehangenen Muli gleich durch Läden zu hecheln oder Schnitzeljagd mit dem Paketboten zu spielen, um meine online bestellten Geschenke einzutreiben. Warum soll nur der Präsentempfänger glücklich sein?

Erdmännchen modellieren ist mein Yoga, ich schalte ab, während ich erschaffe. Als ich einmal den diamantbesetzten Totenkopf von Damien Hurst nachbastelte, driftete ich beim endlosen Verkleben von Strasssteinchen gar in eine Art Trance. Und wer kann das in der Vorweihnachtszeit schon von sich behaupten.

Leider habe ich keinen Kontakt mehr zum Schädelempfänger und weiß nicht, was er damit angestellt hat. Selbst gemachte Geschenke sind, ganz praktisch gesehen, ja meistens nutzlos. Und damit die passende Gabe in einer wunschlosen Zeit, in der die materiellen Bedürfnisse, zumindest in meiner, natürlich privilegierten, Blase, längst gestillt sind. Dort haben alle schon schöne Obstschalen, interessante Bücher, warme Socken, flauschige Morgenmäntel. Statt überflüssiger weiterer Exemplare schenke ich ihnen lieber selbst modellierte kleine Gespensterfigürchen, die man über Teelichte stülpen kann, deren Schein dann durch die perforierten Geisterbäuche leuchtet. Geschenke eben, die man zwar nicht braucht, aber auf jeden Fall auch noch nicht hat.