© Zeloot für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Frau Walker, Sie sind seit 19 Jahren Dolmetscherin und übersetzen simultan. Was bedeutet das?

Karin Walker: Dass ich zuhöre und gleichzeitig spreche. Ein Mensch erzählt etwas auf Englisch, und noch während er redet, übertrage ich das, was er sagt, ins Deutsche. Ich fange natürlich ein klein wenig später an, weil ich ja erst hören muss, was er sagt. Aber spätestens nach einem Satz muss ich mitsprechen, sonst verpasse ich den Anschluss. Umgekehrt kann ich es auch, also vom Deutschen ins Englische dolmetschen.

ZEIT: Sie arbeiten bei großen Treffen, wo sich Menschen aus aller Welt verständigen müssen. Wie hören die Richtigen, was Sie sagen?

Walker: Bei solchen Konferenzen sitzen die Politiker und Experten in einem Saal zusammen. Oft sind es sehr viele Menschen, die unterschiedliche Sprachen sprechen. Deswegen haben alle Teilnehmer Kopfhörer auf, über die sie genau die Dolmetscher hören können, die in ihre Sprache übersetzen – zum Beispiel mich.

ZEIT: In der kommenden Woche beginnt in Polen die Klimakonferenz der Vereinten Nationen. Da wollen sich Staatschefs darauf einigen, was sie gegen die Erderwärmung tun. Sie waren im vergangenen Jahr bei einem solchen Treffen dabei. Bereiten Sie und Ihre Kollegen sich auf so etwas besonders vor?

Walker: Für die Weltklimakonferenz in Bonn habe ich vorher viele Fachvokabeln gelernt. Außerdem lese ich oft mehrere Tage lang Zeitungsartikel und alles, was zu dem Thema wichtig sein könnte. Ich muss ja verstehen, worum es in den Gesprächen geht. Manchmal gibt es extra Lese-Mappen zur Vorbereitung, wie Hausaufgaben.

ZEIT: Sind Sie und die übrigen Dolmetscher dann zusammen mit den Staatschefs im Saal?

Walker: Nein, wir Dolmetscher sitzen in einer Kabine, von der aus wir in den Saal blicken können. Manche nennen die Kabine auch Kiste oder Box. So sieht die nämlich oft aus: wie ein großer Schuhkarton mit einem Fenster, damit man beobachten kann, wer im Saal spricht. Von diesen Boxen gibt es für jede Sprache eine. Während ich ins Deutsche dolmetsche, reden nebenan die Kollegen Spanisch, in der nächsten Kabine vielleicht Russisch und so weiter. Man ist in den Kabinen immer zu zweit, manchmal auch zu dritt.

ZEIT: Arbeiten Sie nie allein?

Walker: Nein, das wäre viel zu anstrengend. Und deshalb auch gefährlich.

ZEIT: Warum gefährlich?

Walker: Mein Job ist ja kein Nachgeplapper! Ich habe eine große Verantwortung, weil ich dafür sorgen muss, dass alles, was ich weitersage, ganz genau stimmt. Ich muss deshalb sehr genau zuhören und auf jedes Detail achten, damit mir nichts entgeht. Das funktioniert oft nur eine halbe Stunde lang richtig gut, danach kann man sich nicht mehr konzentrieren oder wird müde. Und dann überhört man schon mal etwas, das sehr wichtig sein kann. Deshalb wechseln wir uns alle 30 Minuten ab.

ZEIT: Und wie lange arbeiten Sie insgesamt?

Walker: Die meisten Konferenzen, bei denen ich dolmetsche, dauern sehr lange. Manchmal sechs oder sieben Stunden. Da könnte man ohne Kollegen nicht mal aufs Klo gehen.