Einsamkeit ist auch ein Preis der kapitalistischen Gesellschaft. Diesen Preis zahlen nicht nur die, die vom Profit wenig abbekommen, die Alten und die Armen. Auch junge Leistungsträger, deren Jahr mit Meetings und Datings voll ausgebucht ist, fürchten die drei Weihnachtstage. Sich in seinem Single-Loft mit einem 500-Dollar-Whisky den Film Kevin – Allein zu Haus auf der Beamer-Leinwand anzusehen, mag eine First-Class-Kategorie von Einsamkeit sein, weh tut sie aber dennoch.

Mit der Social-Media-Aktion "#keiner bleibt allein" hat der Wormser Softwarespezialist Christian Fein mit Rückendeckung der evangelische Kirche einen Verein geschaffen zur Überwindung der Einsamkeit. Das Portal vernetzt Menschen in der Vorweihnachtszeit, auf dass sie die Christtage oder Silvester nicht allein verbringen müssen. Bis zum 20. Dezember können sich Interessierte mit einer Nachricht auf Twitter oder auf Facebook melden.

Die Idee zu diesem Projekt kam Fein an Weihnachten 2016. Erst war es nur eine Börse für seelischen Austausch auf Twitter, ein Jahr später vermittelte der Account für Weihnachten 2017 schon reale Begegnungen. Seit März dieses Jahres besitzt die Idee Vereinsstatus, er gibt der Arbeit in den sozialen Medien einen rechtlichen Rahmen. Auf seinem Twitter-Account schreibt Fein über sich: "Ich werde hier stehen und Gutes tun, bis es mich umbringt."

Das klingt nicht nach einer halben Sache. Fein bleibt auch nicht stehen. Die Resonanz auf Twitter war so groß, dass das Format sogar Helene Fischer vom ersten Platz verdrängte.

Der Schritt vom digitalen Austausch bis zur realen Vermittlung stellte das Projekt vor neue Herausforderungen. Twittern kann man weltweit, sich treffen aber eher regional. Trotzdem meldeten sich 2.378 Teilnehmer. Rund zwei Drittel boten Gesellschaft an, ein Drittel suchte sie. Es kam zu 645 Vermittlungen für Weihnachten und Silvester 2017. Fein und sein Team ermutigte die hohe Vermittlungsrate von 78 Prozent aller Suchenden und die ebenso hohe Anzahl von über 2.700 Nachrichtenkonversationen.

Der Philosoph Norbert Elias schrieb: "In vielen Fällen bezieht sich der Begriff der Einsamkeit auf einen Menschen, der aus diesem oder jenem Grund allein gelassen wird." Das betrifft vor allem die Alten und Kranken, die Verwitweten, die Sitzengelassenen. "Die Menschen erfahren, dass auch sie in eine ungewollte Einsamkeit rutschen können", sagt Fein. In diesem Jahr soll nun auch offline eine Vermittlung möglich sein. Eine Anfrage an den Verein genügt. Die Telefonseelsorge unterstützt Feins Projekt. "Ich habe gespürt", sagte der 33-Jährige seiner Heimatzeitung, "dass Einsamkeit in Deutschland keine Lobby hat." Jetzt hat sie eine.

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