Man kann es zumindest mal versuchen: die Welt mit den Augen des französischen Staatspräsidenten zu sehen. Emmanuel Macron ist in die tiefste Krise seiner Amtszeit geraten, auf den Champs-Élysées brennen Barrikaden. Wie konnte es dazu kommen? Macron wacht morgens in einem der 365 Zimmer des Élysée-Palasts auf. Es umgeben ihn prächtige Louis-XV-Möbel; hebt er den Blick, sieht er Lüster an den Decken. Das Porzellan wurde gerade für 50.000 Euro erneuert, die Kupferpfannen in der Küche aber sind die, in denen schon für Napoleon gekocht wurde. Seine Umgebung wird nicht müde, ihm zu bedeuten: Du schreibst Geschichte.

Wenn Macron irgendwo auftritt, wie neulich im Deutschen Bundestag, dann teilt sich vor ihm die Menschenmenge. Niemand stellt sich ihm in den Weg. Um ihn herum vollführen die Menschen ein Ballett, damit er ungestört einen Fuß vor den anderen setzen kann. Es ist seine Erfahrung der letzten Jahre: Niemand widersetzt sich ihm.

Das tun jetzt die "Gilets Jaunes". Der Protest der Leute in den Kfz-Warnwesten ist ungeordnet, ungestüm, undiszipliniert. Anders gesagt sind sie alles, was Macron hasst. Proteste gegen seine Politik hatte er durchaus eingeplant, ein Kräftemessen auf der Straße, mit den Gewerkschaften, mit renitenten Beamten, die auf Privilegien bestehen. Aber die Gelben Westen sind anders. Sie sind beinahe apolitisch, sie sagen nicht viel mehr als: Unser Leben wird so teuer, dass wir es uns nicht mehr leisten können. Sie sind nicht rechts und nicht links. Sie haben keine Führungsfigur. Sie haben keine klaren Forderungen, sondern vor allem Gefühle. Sie sind die größte Herausforderung für einen Mann, der so analytisch denkt wie Macron.

Er brauchte jetzt also jemanden, der ihm erklärt, was vor sich geht. Der ihm sagt, wie es ist, wenn man vor Wut nicht mehr sprechen kann. Jemand, der ihn darauf hinweist, dass Leute, die Sorge haben zu verarmen, sich keine Neuwagen kaufen, weshalb eine 4.000-Euro-Prämie für Elektroautos, wie sie die Regierung vorgeschlagen hat, die Gelben Westen nicht beruhigt, sondern noch wütender macht.

Doch so jemanden gibt es in Macrons Umgebung nicht. Macron hat das zentralistische System Frankreichs noch ein bisschen zentralistischer gestaltet. Im Wesentlichen sind es vier Leute, ihn eingeschlossen, die über die Politik bestimmen. Genauer gesagt: vier Männer. Alle Anfang oder Mitte 40. Vier Männer, die mit einer schnellen Auffassungsgabe gesegnet sind und denen im Leben fast immer alles gelungen ist.

Da ist Édouard Philippe, Macrons Premierminister, 48 Jahre alt, je einen Abschluss von zwei Eliteunis, der Sciences Po und der École nationale d’administration. Da ist der Büroleiter und engste Mitarbeiter des Premiers, Benoît Ribadeau-Dumas, genannt BRD, 46 Jahre alt, ebenfalls zwei Eliteuni-Abschlüsse. Der vierte der Macron Boys ist Alexis Kohler, ebenfalls 46, und klar: ebenfalls zwei Eliteuni-Abschlüsse. Die beiden Letzteren erarbeiten auf der operativen Ebene, was Präsident und Premier sich ausdenken. Sie bereiten die Treffen zwischen Macron und Philippe vor, besonders das wöchentliche Mittagessen, an dem die beiden auch teilnehmen. Wie BRD es nennt: "Wir sorgen dafür, dass der Laden läuft."

Selbst in ihrer schlanken Erscheinung gleichen sie sich. Sie tragen Anzüge von unauffälliger Eleganz, legen ansonsten wenig Wert auf äußeren Luxus. Der durchschnittliche Intelligenzquotient im Élysée ist enorm, so formuliert es ein Mitarbeiter. Doch Macrons Krise dauert nun schon Wochen an.