Vor 50 Jahren wurden die Fachhochschulen gegründet – und haben nun eine Million Studierende. Wohin treibt sie dieser Boom?

Die Revolution riecht holzig, ihr Staub klebt an der Bluse von Katharina Seizew. Die 22-Jährige prüft die Kanten ihrer Semesterarbeit, mit Schmirgelpapier gleitet sie über Brettchen, aus denen Postkartenhalter entstehen. Bald müssen sie fertig sein, da beginnt der Advent. "Budenzauber" heißt das Seminar, Aufgabe: ein Designobjekt erfinden, produzieren und in selbst kreierten Papiertüten auf dem Weihnachtsbasar verkaufen. Jedes Jahr gibt es dieses Seminar an der Fachhochschule Münster, 29 Studierende erproben das Weihnachtsunternehmertum. "Ich wollte studieren", sagt Katharina, "aber was Praktisches." Geht alles gut, sitzt sie nächstes Jahr an ihrer Bachelorarbeit. Danach zählt sie zu den 17 Prozent Akademikern in Deutschland. Bakkalaurea artium in Produktdesign.

In dieser Werkstatt wird spürbar, wie gut die Idee der Versöhnung von Kopf und Hand, Geist und Praxis aufgegangen ist im Land der Dichter und Denker. Vor 50 Jahren unterzeichneten die westdeutschen Ministerpräsidenten ein Abkommen, das die Hochschulen revolutionierte. Neben den Universitäten führten sie einen zweiten akademischen Ausbildungsweg ein: die Fachhochschule. Auch wer kein Abitur hatte – dafür aber Fach-Abi oder Berufsausbildung –, war hier willkommen. Das Studium sollte kürzer sein, anwendungsbezogener. Die junge Wohlstandsrepublik war satt und hungrig zugleich, das konservative Bürgertum wurde leiser, Junge, Arbeiter, Frauen wurden lauter. Das Land egalisierte sich und kultivierte die Vision, Bildung sei ein Bürgerrecht. Eine andere Welt schien möglich.

Also schuf man Fachhochschulen. Sie sollten das Versprechen einlösen, dass jedes Talent etwas gilt. Deutschlands Hörsäle sind seither nicht mehr reserviert für künftige Professoren, Ärztinnen, Anwälte oder Lehrerinnen. Heute sitzen hier Orthopädietechnikerinnen, Facility-Manager, Sozialarbeiterinnen, Medienakustiker in spe. Nie gab es so viele Studierende: 2,9 Millionen. Das Bildungsversprechen der alten Republik wurde wahr, das ist auch den Fachhochschulen zu danken. Da sind große Tanker wie in Köln (26.000 Studierende), oder Winzlinge wie in Eberswalde (2100 Studierende). Viele gingen aus Ingenieursschulen hervor, manche behaupten sich gegen Platzhirsche in derselben Stadt (Berlin: vier Unis, fünf FHs). Viele erleuchten ganze Regionen, die sonst abgehängte Landstriche wären. Eine Million Fachhochschüler gibt es (ihre Zahl verdoppelte sich in 20 Jahren). Alle werden nach Abschluss vom Arbeitsmarkt gierig aufgesogen.

Die strikte Arbeitsteilung – zwischen Uni und FH, Denkern und Machern – gibt es aber immer noch. In der FH rumpelt der 3-D-Drucker, kreischt die Säge, wird der Glutengehalt im Teig bestimmt. Hier wird Praktisches studiert, die Theorie gibt’s in abgespeckter Form dazu. Doch welche Aufgaben den Fachhochschulen künftig zufallen, steht neu infrage. Denn sie haben sich zu wissenschaftlichen Einrichtungen eigener Güte entwickelt. Sie können mehr – und sie wollen mehr.

Kein Zufall, dass sich fast alle 218 Fachhochschulen umbenannt haben. Hochschule für Angewandte Wissenschaften heißen sie jetzt, auf Englisch klingt es noch besser: Als Universities of Applied Sciences locken sie Studierende aus aller Welt an. Die Fachhochschulen sind, im Wortsinn, über sich hinausgewachsen. Nicht nur die Zahl der Studierenden hat sich vervielfacht, auch die Aufgaben: Fachhochschulen lehren, forschen, wenden an. Sie werben Gelder aus der Wirtschaft ein, rüsten Labore auf, publizieren Fachartikel, beleben auch abgelegene Regionen mit akademischer Campuskultur.

Der Wandel vollzieht sich weitgehend ungesteuert. Die FH-Förderpakete von Bund und Ländern sind klein, Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hält an der alten Aufteilung fest. Die bildungspolitische – und wirtschaftliche – Frage, was die Fachhochschulen für den hoch technisierten Arbeitsmarkt leisten sollen, bleibt unbeantwortet.

Ute von Lojewski ist immer die Erste, der die Studierenden des Fachs Design ihre Adventsprodukte zeigen. "Frau von Lo" kauft dann Kerzenhalter und Baumanhänger, für ihre Kollegen. Sie leitet die FH Münster seit 2008 und machte sie zu einer der größten und besten Fachhochschulen des Landes: Blicken alle Unis nach Harvard, so blicken Fachhochschulen nach Münster. Dass dort auch die traditionsreiche Westfälische Wilhelms-Universität steht, hat dabei geholfen. Man gräbt einander das Wasser nicht ab: Die Uni lehrt Chemie – die FH Chemieingenieurwesen. Die Uni kooperiert mit internationalen Forschungseinrichtungen – die FH mit regionalen Unternehmen.

Das goldene Wort lautet: Transfer. Das Wissen aus Werkstätten und Hörsälen soll dort landen, wo es gebraucht wird – in Unternehmen, in der Industrie. Oft sind die FHs ein eigener Wirtschaftsmotor, der Benzin braucht, sie wünschen sich daher eine eigene Förderorganisation, eine "Deutsche Transfergemeinschaft" (DTG). Einen Topf voll Gold, um den sich bewerben kann, wer die beste Transferidee hat – analog zur Deutschen Forschungsgemeinschaft; ohne den DFG-Jahresetat von drei Milliarden Euro stünden deutsche Universitäten längst still.

Das Bundesforschungsministerium aber will keine neue Organisation, und die Universitäten suchen den Schulterschluss mit den Fachhochschulen nicht. "Wir bleiben beharrlich", sagt Ute von Lojewski, lösungsorientiert. Fragt man sie, ob Universitäten und Fachhochschulen gleichberechtigt sind, schweigt sie erst und sagt dann: "Augenhöhe ist es nicht." Es ist wie in einer Familie, in der die kleine Schwester plötzlich aufmuckt. Werde ich so geliebt wie die große? Wird das Erbe gleich verteilt? Arbeitsteilung bedeutet auch: Konkurrenz. Um Geld, um Anerkennung.

Wie in der Werkstatt

Das bemisst sich auch am Promotionsrecht. Ein Thema, das den FH-Professoren die Zornesröte ins Gesicht treibt und den Uni-Präsidenten den Schweiß der Abwehrschlacht. Denn Fachhochschulen dürfen keine Doktoranden ausbilden. Haben sie begabte Absolventen, müssen sie eine Universität auftreiben, die deren Promotion betreut. "Betteln gehen", sagt ein FH-Professor. Von Lojewski ist diplomatischer: "Die Zusammenarbeit wird besser, institutionalisierter." Hessen hat das FH-Promotionsrecht inzwischen eingeführt, sie selbst treibt in NRW ein "Graduierteninstitut" voran, das Uni und FH systematisch verzahnt.

Der große Durchbruch aber ist das nicht. Die Universitäten lassen sich die Erteilung des Doktorgrades nicht streitig machen. Die Politik beharrt: Jeder mache seins. 18 Semesterwochenstunden unterrichtet eine FH-Professorin, doppelt so viele wie ihre Kollegin an der Uni. Die Fachhochschulen stemmen zusätzlich ihre Transferprojekte, für deren Finanzierung im Haushalt kein Cent vorgesehen ist. "Wir schneiden uns Zeit, Geld und Mitarbeiter aus den Rippen", sagt von Lojewski.

Für das beschlossene Förderprogramm von Bund und Ländern hat sie sich daher nur zähneknirschend bedankt. "Wir wollen die Fachhochschulen stärken", hatte es im Koalitionsvertrag geheißen. Jährlich 60 Millionen Euro für die Forschungsförderung wurden daraus, plus 430 Millionen, um neue Professoren anzuwerben – ein Bruchteil dessen, was in die Universitäten fließt, die allein für ihre Exzellenzstrategie jährlich 533 Millionen Euro kassieren, für Personalgewinnung sogar eine Milliarde. Das ist nicht das Bekenntnis, das die Fachhochschulen bräuchten, die unter ihrer eigenen Größe zusammenbrechen.

In der Hochschulpolitik aber ist es wie in der Werkstatt. Fehlt ein Hockerbein, schraubt man sich selbst eines zusammen.

Etwa in Mittweida, Sachsen. "Hochschulstadt" steht auf dem Ortseingangsschild. 15.000 Einwohner, davon 7000 Studierende, 100 Professoren. Einer von ihnen, Horst Exner, 64, kennt noch mehr Zahlen: 2500 Quadratmeter Forschungsfläche hat sein Laserinstitut, 57 Mitarbeiter, 21 Millionen Euro haben sie eingeworben, auch aus begehrten EU-Töpfen. "Unsere Arbeit hat Universitätsstandard", sagt Exner und führt durch schwere Metalltüren, hinter denen wuchtige Apparaturen stehen. Die Luft riecht hier anders, leichter. "Wir filtern die Staubpartikel raus, damit die Laser nicht abgelenkt werden."

Gelegentlich driftet Exner ins Fatalistische ab: Die Studierenden sind ihm nicht schlau genug, Deutschland nicht technologiefreundlich, mehr Mathe braucht das Land, mehr Physik, mehr Mittweida. Kolossal thront das weltweit bekannte Laserinstitut im Ort, ein hell erleuchteter Beweis, was möglich ist. Aus eigener Kraft, aber auch durch die schiere Zeit, in der FH-Professoren an ihren Themen arbeiten und mit der umliegenden Industrie verwachsen. "Schon vor vierzig Jahren waren wir führend", sagt Exner und zeigt einen kleinen Laser von 1976, der in der Eingangshalle steht.

Vor vierzig Jahren: Eine Mauer um das Land, Mittweida mittendrin, akademischer Knotenpunkt, Ingenieurshochschule erster Güte, mit Professoren, die was galten. Dann die Wende.

Ludwig Hilmer, 58, Rektor der Hochschule Mittweida, gerade für den Preis "Hochschulmanager des Jahres" nominiert, an dem auch die ZEIT beteiligt ist, stammt aus Bayern. Eine barocke Figur, standfest, mit Denkerbrille und der Neigung zu feiner Ironie. Zwei Schreibtische stehen im Büro. Ein luftiger, mit metallener Blende, darauf zwei Bildschirme und ein Telefon. Und ein wuchtiger aus Holz, mit kleinen Fächern, worein im 19. Jahrhundert Vermerke über die Zukunft der Ingenieursausbildung einsortiert wurden. 1865 wurde das Technikum Mittweida gegründet, als private technische Lehranstalt. "Die Leute brauchen eine Identität", sagt Hilmer, deshalb der alte Holzsekretär.

Das ist wichtig – jetzt, da die Fachhochschulen sich zum Fünfziger-Jubiläum versammeln. Denn für Ost-Hochschulen bedeutete die Wende oft eine Degradierung. In den 1990ern zogen Kommissionen durchs Land und entschieden, welche Unis und Ingenieursschulen der DDR geschlossen würden. Mittweida sollte 1992 abgewickelt werden und rettete sich bloß durch einen Salto mortale: Man quetschte die eigene Identität ins westliche FH-Korsett. Darüber trauert heute niemand mehr. Die Hochschule ist wer – über alle Grenzen hinweg. Hilmer schildert voll Genugtuung, wie Osteuropäer, Inder und Pakistaner anreisen. Mittweida, ein Ort der "Weltoffenheit", so steht es unmissverständlich auf dem Plakat auf dem Campus. "Rückwärtsgewandt zu leben", sagt Hilmer, "ist keine Option."