Wer Paul Breitner am Dienstag dieser Woche anrief, um ihn auf das kleine Gemetzel anzusprechen, in dessen Zentrum er jetzt steht, der hörte von ihm, er werde sich dazu nicht äußern. Nie mehr? "Niemals", sagte der 67-jährige Breitner, "niemals." Das Beruhigende daran ist, dass es nicht stimmt. Natürlich wird er sich irgendwann dazu wieder äußern, sonst hätte er die ungeschriebenen Gesetze des Profifußballs nicht verstanden. Paul Breitner, der ewige Rebell des FC Bayern, Ehrenspielführer auf Lebenszeit, gibt im Zorn seine beiden Ehrenkarten zurück, nachdem ihm der Verein gedroht hat, ihn aus der Ehrenloge zu werfen, nachdem Breitner den Vereinspräsidenten Uli Hoeneß kritisiert hatte, nachdem sich Hoeneß vor Journalisten abfällig über Journalisten geäußert hatte und dabei ein Artikel des Grundgesetzes zur Sprache kam, dies alles, nachdem Hoeneß wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis gesessen hatte, einer Anstalt, die nicht unbedingt den Gesetzestreuesten vorbehalten ist.

Die Frage der Ehre ist jetzt also bei Paul Breitner angekommen, und man kann sich darüber freuen, wie viel Zündstoff darin steckt. Denn was wäre der Fußball ohne die missbrauchte Ehrenformel? Was wäre er ohne die Intrigen, den Streit, die Übertreibung, die Leidenschaft, die Gefühlsausbrüche, den Wahn, die Versöhnung – die echte und die falsche? Der Fußball wäre dann nicht anders als eines dieser Tennisturniere am Hamburger Rothenbaum.

Es muss auch endlich einmal Schluss sein mit der rituellen Beschimpfung des FC Bayern. Jeder Fußballfan in Deutschland kann froh sein, dass es diesen Verein gibt. Wo sonst läge in der Bundesliga die Quelle für viele interessante Varianten von Unverschämtheiten, für all die Zutaten, die das Spiel über das Spiel hinaus so aufregend gestalten? Wenn sich Hoeneß Feinde macht, indem er sich mit Fans anlegt, mit Reportern oder mit Funktionären, ist ein Thema geboren, das man widerlich finden kann oder entzückend, je nach Perspektive. Aber es ist – meist zumindest – ein Thema. Wer sonst in der Bundesliga traut sich noch, öffentlich Streit anzufangen? Wer sonst setzt seine Spieler und seine Trainer derart unter Druck? Schlimm, ja. Das kann man einwenden. Aber es gibt Themen, die erst dadurch ihre Wirkung entfalten, dass sie Gegenargumente und Widerspruch heraufbeschwören.

Erinnert sich noch jemand an Michael Zylka, einen durchaus gescheiten Mann, der im Jahr 1988 Präsident des FC Schalke war? Er wurde gewählt, weil er so gut reden konnte. Aus keinem anderen Grund. Er stand auf, begann zu sprechen, und schon war er der Chef. Nach nur drei Tagen gab er bereits auf, weil er in einem Strudel von Intrigen versank, die er nicht mehr aushielt. Ist das noch der schreckliche Wahnsinn oder bereits der schöne Wahnsinn des Fußballs?

"Du siehst die Scheiße immer erst, wenn der Schnee geschmolzen ist", hat Rudi Assauer öfter gesagt, der frühere Manager des FC Schalke. Es wäre aber falsch, daraus den Schluss zu ziehen, das Leben auf einer intakten Schneedecke, die nichts Hässliches offenbart, sei ein erfülltes Leben. Erst die Scheiße unter dem Schnee verleiht dem Schnee seinen Sinn. Wer will schon ertragen müssen, dass nichts schiefgeht, niemand sich empört und die Bundesliga sich anfühlt wie ein gepflegtes Heimspiel in Wolfsburg oder ein winterlicher Spaziergang im Kurpark von Baden-Baden?

Schon deshalb: Lange lebe der FC Bayern.