Feinstaubalarm! In Stuttgart ist das seit Anfang 2016 Routine. Ende November war es mal wieder so weit, zum neunten Mal in diesem Jahr. Wenn die stinkende Luft mangels Wind nicht abzieht, sollen Autofahrerinnen und Autofahrer für einige Tage auf Bus und Bahn umsteigen. Das ist aber nur ein Appell. Kaum jemand tut es tatsächlich. Verboten ist bei Feinstaubalarm lediglich die Benutzung von Holzöfen, die zusätzlich zur Zentralheizung benutzt werden. Und dieses Verbot scheint jetzt tatsächlich Wirkung zu zeigen. Immerhin.

Denn erstmals seit Beginn der Feinstaubmessungen im Jahr 2005 sieht es so aus, als würde Stuttgart – als letzte deutsche Stadt – den europäischen Grenzwert einhalten können. An höchstens 35 Tagen darf die Belastung mit gröberem Feinstaub über 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft ansteigen. 2017 war diese Grenze in Stuttgart bereits im April erreicht, in diesem Jahr gab es bisher aber erst 20 Überschreitungstage – und das Jahr ist bald vorbei.

Rund 20.000 Öfen und Kamine gibt es in Stuttgart; zusammen hatten sie vor einigen Jahren noch für ein Sechstel des Feinstaubs gesorgt, der am Neckartor gemessen wird. Es gilt als Deutschlands dreckigste Straße. Inzwischen hat sich der Anteil mehr als halbiert, auch insgesamt ist die Belastung zurückgegangen. Die Gründe dafür waren weniger verzweifelte Versuche wie eine hundert Meter lange Mooswand oder eine regelmäßige Säuberung der Luft mit einem Nass-Hochdruckreiniger. "Die Erneuerung der Fahrzeugflotte und ein verbesserter Verkehrsfluss dürften da schon eher zu sinkenden Feinstaubwerten beigetragen haben", sagt Rainer Kapp. Er muss es wissen, er ist Leiter des Stuttgarter Amts für Stadtklimatologie.

2006 war der Feinstaubgrenzwert noch an über der Hälfte aller verkehrsnahen Messstellen in Deutschland überschritten worden. Inzwischen ist die überregionale Grundbelastung zurückgegangen. Zusammen mit einer Modernisierung der Abgasreinigung in vielen Industrieanlagen und immer besseren Partikelfiltern, die nicht nur für Diesel-, sondern auch für Benzinmotoren vorgeschrieben sind, hat das dazu geführt, dass die europäische Vorschrift jetzt wohl überall eingehalten werden kann.

Ein Erfolg der Umweltpolitik? Ja, aber es sollte nur ein Zwischenschritt sein. Denn während der Grenzwert für Stickoxide, der in den letzten Monaten zu immer neuen Fahrverboten geführt hat, unter Fachleuten umstritten ist, gilt Feinstaub nach einhelliger Expertenmeinung als weitaus gefährlicherer Luftschadstoff – und zwar bereits in viel geringerer Konzentration als derzeit noch erlaubt. Der europäische Grenzwert dürfte also zu hoch sein.

Deutschlands Luft ist zwar sauberer geworden, sauber ist sie damit nicht. Würden statt der europäischen Regeln die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation oder die Grenzwerte aus Kalifornien gelten, dann hätte es 2017 an über 70 Prozent aller Messstationen in Deutschland Überschreitungen gegeben. Das liegt vor allem an der gefährlichsten Komponente des Staubs, den ultrafeinen Partikeln. Sie können sich tief in der Lunge ablagern und sogar Zellwände durchdringen und so in den Blutkreislauf gelangen. Die Folgen reichen von Atemwegsentzündungen über Thrombosen bis zu Lungenkrebs.

In Kalifornien erlauben die Grenzwerte nur halb so viel der gefährlichen Mikropartikel in der Luft wie in Europa. Trotzdem werden die Vorschriften dort inzwischen weitgehend eingehalten. Wurde der Feinstaubtagesgrenzwert rund um die Bucht von San Francisco 2006 noch an 21 Tagen überschritten, kam das 2016 gar nicht mehr vor – trotz einer starken Zunahme der Bevölkerung und des Verkehrs.

Aufklärung und Strafe

"Wir haben schon vor über zehn Jahren damit begonnen, mit öffentlichen Veranstaltungen in allen Stadtteilen über die Ursachen der Luftverschmutzung zu informieren", sagt Eric Stevenson. Der Meteorologe leitet die Abteilung für Schadstoffmessungen in der kalifornischen Luftreinhaltebehörde BAAQMD, die für San Francisco und Umgebung zuständig ist. Insbesondere ging es darum, die umweltschonende Bedienung von Kaminöfen und anderen Holzheizungen zu erläutern und die Botschaft zu verbreiten, dass ihre Nutzung bei Feinstaubalarm verboten ist. Der wird ausgerufen, sobald Grenzwertüberschreitungen drohen. Und das hat Erfolg: "Früher kamen bis zu 50 Prozent des Feinstaubs aus Holzöfen, heute ist es nur noch halb so viel."

Eine Mischung aus Aufklärung und Strafe hat dazu geführt. "Wir sagen den Leuten ins Gesicht, dass sie die Gesundheit ihrer Nachbarn gefährden, wenn sie bei hohen Feinstaubwerten ihre Öfen anheizen", erklärt Stevenson. Das habe mehr Wirkung als allgemeine Appelle an die Vernunft. Wer sich trotzdem nicht an das Verbot hält, bekommt einen Bußgeldbescheid. Beim ersten Mal kann man die hundert Dollar noch sparen, wenn man stattdessen den Kurs einer sogenannten Smoke School besucht. Aber für Wiederholungstäter wird es richtig teuer. Hundert Behördenmitarbeiter schwärmen bei Feinstaubalarm aus, um Übeltäter aufzuspüren.

Nur in den vergangenen Monaten hat all das nichts genützt. An vielen Tagen lagen die Feinstaubwerte weit über dem Grenzwert, weil der Rauch der großflächigen nordkalifornischen Waldbrände bis nach San Francisco hineinzog. An einzelnen Tagen haben die Waldbrände sogar mehr Feinstaub freigesetzt als alle Autos auf Kaliforniens Straßen zusammen.

Mit derartigen Naturkatastrophen hat Baden-Württembergs Landeshauptstadt nicht zu kämpfen. Doch wer Holz entzündet, um es sich vor dem heimischen Kaminofen gemütlich zu machen, muss bei Feinstaubalarm inzwischen auch dort mit einem Bußgeld rechnen. Und die Drohung scheint die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Dass Stuttgart in diesem Jahr wahrscheinlich unter dem Feinstaub-Grenzwert bleibt, kann aber auch einen ganz anderen Grund haben. "Wir hatten zwei extrem warme Winter mit wenigen Inversionswetter-Tagen, an denen der Luftaustausch zum Erliegen kommt", sagt Stadtklimatologe Kapp. Weil das Wetter in diesem Winter aber wieder ganz anders sein könnte, will er auch noch nicht von einem Erfolg im Kampf gegen den Feinstaub sprechen: "Erleichterung trifft es besser."

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