Erstaunlich, wie viele Erinnerungen ein Anblick aus lange vergangenen Tagen wachruft. Die Alte Mühle in Sasel bei der Mellingburger Schleuse sah während des Zweiten Weltkriegs aus wie heute, auch das Kopfsteinpflaster von damals ist erhalten. Dies war sein Arbeitsweg. Die Mühle war noch in Betrieb, die Grießsuppe fällt ihm ein, die man hier bekam, ohne Essensmarken. Plötzlich ist auch der Name der kaschubischen Familie wieder da, die im alten Mühlhäuschen wohnte und ihn, den 16-Jährigen, "Jungchen" nannte. Der Lichtkegel der Grubenlampe, mit der er im Winter seinen Weg fand. Und die Gestalten, die ihm unterwegs begegneten.

Die Frage ist, was war hier damals noch? Und vor allem: Was war hier nicht?

Gerade hat sich eine Bürgerinitiative darangemacht, die Geschichte der NS-Verbrechen in Hamburg neu zu schreiben. Da trifft es sich, dass man mit einem Augenzeugen spazieren gehen kann. Ulrich Bauche heißt er, inzwischen ist er 90 Jahre alt.

1944, als sich der Krieg dem Ende zuneigte, wohnte hier draußen, im Norden der Stadt, fast niemand. Ulrich Bauches Familie war ausgebombt worden, mit seinen Eltern war er in der Laube einer Kleingartenkolonie untergekommen. Sein Vater war Sozialdemokrat, zudem, so hieß das im Nazijargon, "jüdisch versippt", er selbst galt als Halbjude und wurde darum nicht zur Flak eingezogen.

Weiter Richtung Stadt, der alte Mann ist noch gut zu Fuß. Die Villen rechter Hand, zum Alstertal hin, waren damals vom Weg aus nicht zu sehen, nur die pompösen Einfahrten sind ihm in Erinnerung. Links stehen inzwischen zwei Generationen von Gebäuden, Nachkriegshäuschen und neue Ein- und Mehrfamilienhäuser, die ihren Platz einnahmen. Zwischen den Häusern liegt ein schmaler Streifen Grünland, auf dem im Sommer Pferde weiden. Um dieses Stück Land geht es.

Die unterschiedlichen Ortsangaben für das KZ

© ZEIT-Grafik

Der Bezirk Wandsbek möchte hier Flüchtlinge unterbringen, Anwohner wollen das verhindern, sie berufen sich auf den Naturschutz. Einer von ihnen ist allerdings noch etwas anderes eingefallen.

Gudrun Bischoff ist eine erfolgreiche Augenärztin mit eigener Klinik, aus der dreistöckigen weißen Villa der kämpferischen älteren Dame blickt man hinaus auf den umstrittenen Grünstreifen. Dort draußen, behauptet sie, und auch auf ihrem eigenen Grundstück habe sich während des Zweiten Weltkriegs ein Konzentrationslager befunden. Jüdische Frauen seien hier gestorben, ihre Knochen lägen noch im Boden, es handle sich mithin um einen Friedhof. Ausgerechnet an diesem Ort syrische Flüchtlinge anzusiedeln, "obwohl sich doch Juden und Moslems spinnefeind sind", wie sie sagt, das gehe nicht. Stattdessen müsse eine Gedenkstätte gebaut werden.

Das KZ gab es wirklich, Ulrich Bauche erinnert sich an die kleinen Gruppen in Lumpen gekleideter Frauen, die er auf dem Weg zur Arbeit überholte, an die gelben Kreuze auf dem Rücken ihrer Kleidung, an die grünen Uniformen der Bewacher. Keine SS-Uniformen, auch nicht das Graugrün der Wehrmacht. Nach seiner Erinnerung waren es Zollbeamte, die morgens die Frauen zur Arbeit trieben.

Nicht weit von Gudrun Bischoffs Grundstück steht ein Gedenkstein für die Opfer des Saseler KZs, beim Bau ihrer Villa stießen die Arbeiter im Boden auf Betonbrocken, von denen Frau Bischoff vermutet, sie seien das Fundament eines Wachturms gewesen. Ein Nachbar hat im Garten Knochen gefunden. Und es gibt eine Broschüre über die Saseler Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme, herausgegeben von der dortigen Gedenkstätte. Darin ist eine Zeichnung abgedruckt, die angeblich auf Zeugenaussagen beruht. Sie zeigt eine Anlage von gewaltigem Ausmaß, an genau dieser Stelle. Auf den ersten Blick ist nachvollziehbar, wie man auf die Idee kommen kann, hier habe sich einmal ein großes KZ befunden.

Aus Sicht der Bürgerinitiative hat diese Theorie einen Vorteil. Wäre die Anlage so riesig gewesen, wie sie behauptet, müsste der Grünstreifen dazugehört haben, der für die Flüchtlinge vorgesehen ist.

Auf den zweiten Blick bleibt von dieser Idee nicht viel übrig. Das Saseler KZ war eines von 86 Außenlagern des Konzentrationslagers Neuengamme, 500 Frauen wurden in dem kleinen Gefängnis festgehalten, seine Geschichte ist gut erforscht. Es gebe "keinerlei Anhaltspunkte" für den Verdacht, dass es sich dort befunden habe, wo Frau Bischoff behauptet, teilt die Gedenkstätte Neuengamme mit. Das habe man ihr und ihren Mitstreitern auch in aller Deutlichkeit erklärt.

Und die Zeichnung? Nichts weiter als ein Irrtum. Ein Illustrator hatte sich eine Skizze vorgenommen, die Schüler des nahe gelegenen Gymnasiums Oberalster vor beinahe 40 Jahren im Rahmen eines Geschichtsprojekts angefertigt hatten, schon damals ohne Rücksicht auf die Größenverhältnisse. In der künstlerischen Bearbeitung war das KZ weiter angewachsen. Wäre die Zeichnung maßstabsgetreu, hätten die abgebildeten Baracken so groß sein müssen wie der Dammtorbahnhof und die ganze Anlage so groß wie das Stammlager von Auschwitz, in dem mehr als 18.000 Menschen zusammengepfercht worden waren.

Vor allem aber gibt es in der Gedenkstätte Neuengamme eine Luftaufnahme der britischen Royal Air Force. Sie stammt vom 3. April 1946 und zeigt dort, wo Frau Bischoff wohnt, und nebenan auf dem Landstreifen für die Flüchtlinge nur freies Feld. Ein gutes Stück weiter findet sich eine kleine rechteckige Fläche, auf der offenbar einmal Gebäude gestanden haben. Die Historiker in der Gedenkstätte sind sicher: Das war das KZ.

Bei diesem Stand der historischen Forschung könnte der Streit zu Ende sein. Er fängt aber erst an.