In naturwissenschaftlich-technischen Berufen gibt es nur wenige Studentinnen. Extra-Programme an Fachhochschulen sollen das ändern. Vier Expertinnen über das Für und Wider.

"Nicht verschüchtert aufgeben"

Weltfremd – das fällt mir zu Frauenstudiengängen ein. Ich habe schon Vorlesungen erlebt, in denen ich die einzige Frau unter 50 Männern war. Letztlich spiegelt aber genau das die Realität im Job wider. Da werde ich auch eine der wenigen Frauen unter vielen Männern sein. Gründet man dann aus Rücksicht auf uns eine Frauenabteilung? Mit Sicherheit nicht. An der Uni habe ich nie Vorurteile gegenüber uns technisch interessierten Frauen erlebt. Man quält sich gemeinsam durch die Prüfungen; mit wem ich lerne, das hängt nicht vom Geschlecht ab, sondern davon, mit wem ich mich menschlich gerade gut verstehe. Anders war es bei meinen bisherigen Praktika im Handwerk. Da ist der Umgangston rauer. Man muss lernen, damit umzugehen und nicht verschüchtert aufzugeben. Je früher das anfängt, desto besser. Gerade die Uni eignet sich perfekt, niemanden in Watte zu packen, sondern alle gleich zu behandeln und auf verschiedene Charaktere und Umgangsformen vorzubereiten.
Deborah Luhnau, 24, studiert Elektrotechnik an der TU Dresden

"Unter besonderer Beobachtung"

Wenn ich in Seminaren, in denen sowohl Männer als auch Frauen sitzen, die Frauen lobe, dann rümpfen die Männer die Nase: Die werden ja bevorzugt. Und wenn ich sie kritisieren muss, dann ist die Reaktion: Wussten wir doch, dass sie nichts können! Ich denke, Frauen werden in gemischten Studiengängen mit einem hohen Anteil an Männern zu sehr untergebuttert. In Frauenstudiengängen besteht diese Gefahr nicht. Frauen aus gemischten Studiengängen kritisieren aber häufig, dass die Frauenkurse zu einer Überbetonung des Geschlechts führen würden. Damit haben sie natürlich nicht unrecht. Die Frauen stehen unter besonderer Beobachtung – besonders wenn sie nach zwei Semestern zu den Männern dazustoßen und zeigen müssen, was sie können. Aus meiner Sicht müssen auch die Unternehmen noch stärker an Frauen herantreten, um ihr Interesse an technischen Berufen zu wecken.
Ulrike Schleier, 60, leitet den Frauenstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Wilhelmshaven. Ab dem 4. Semester lernen die Frauen hier in gemischten Gruppen

"Die Männer haben mich belächelt"

Von Programmieren hatte ich vor dem Studium der Wirtschaftsinformatik überhaupt keine Ahnung. Ich war neugierig auf das Fach, hatte aber auch sehr viel Respekt davor. Die Hemmschwelle wurde mir erst durch den Frauenstudiengang genommen. Die Männer in meinem Freundeskreis haben mich belächelt. Warum sollen Frauen eine Extrawurst bekommen? Mir war das egal, ich habe mich für den Frauenstudiengang entschieden und bin sehr zufrieden damit. Es gab eine besonders intensive Betreuung, wir haben in kleinen Gruppen gelernt. Das ganze Studium war darauf ausgelegt, uns zu stärken, uns zu helfen, uns durchzusetzen. Wir haben uns gefragt: Was wollen wir erreichen? Wie können wir es erreichen? Es gab ein Mentorenprogramm, jeder Studentin wurde eine Alumna zugewiesen, das war ein sehr wichtiger Erfahrungsaustausch. Ich habe gelernt: Ich muss mich als Frau nicht einschüchtern lassen! Ich kann was! Jetzt mache ich meinen Master – in einem gemischten Studiengang.
Ramona Buser, 26, hat den Frauenstudiengang WirtschaftsNetze in Furtwangen belegt

"Ich war fast die Einzige"

Mein Vater hat mich darin bestärkt, meinem Interesse an Technik nachzugehen. Wenn er nicht voll hinter mir gestanden hätte, weiß ich nicht, ob ich diesen Weg gegangen wäre. Schließlich war ich fast die Einzige in meinem Jahrgang. Die Unterstützung durch Familie und Freunde halte ich für einen der wichtigsten Faktoren. Ich halte nichts von reinen Frauenstudiengängen, aber die Teilnahme an einem Mentoring Programm für MINT Studiengänge finde ich empfehlenswert. Ich habe sowohl mit Frauen als auch mit Männern gut gemeinsam lernen können. Die Herausforderungen kommen erst im Job. Dann nämlich gibt es zum Beispiel Männernetzwerke, die oftmals verhindern, dass man als Frau Förderer findet. Dem müssen sich alle Frauen stellen – egal ob mit oder ohne Frauenstudiengang. Wichtig ist es dann, dass Frauen sich austauschen und voneinander lernen. Und sich ebenfalls vernetzten. Es verleiht Mut und Souveränität.
Brigitte Schulz, 44, arbeitet seit zehn Jahren bei Siemens. In ihrem Team sind ausschließlich Männer, sie hat Elektrotechnik in Erlangen studiert