Am fünfzehnten Tag nach der Auferstehung, einem windstillen Donnerstag im November, zeigt sich der Herbst von seiner christdemokratischen Seite. Der Himmel über dem Sauerland ist klar und blau, bestes Flugwetter, aber von Friedrich Merz ist nichts zu sehen. Auf dem Platz in der Flugzeughalle, an dem gewöhnlich seine private Maschine steht, ist eine Lücke entstanden. Merz muss schon aufgebrochen sein, in die Hauptstadtpolitik, nach Berlin. Im Sauerland, wo er aufwuchs und bis heute mit seiner Familie lebt, war er noch Rechtsanwalt und Geschäftsmann. Dann hob er ab und verwandelte sich in einen Hoffnungsträger.

Der 31. Oktober, der Tag der politischen Auferstehung des Friedrich Merz, ist ein bedeutsamer Moment, eine Zäsur: Zum zweiten Mal in der Geschichte der CDU, nach Barzel gegen Kohl, gibt es mehr als eine Kandidatur für den Parteivorsitz, und zum ersten Mal gibt es einen internen Wahlkampf. Merz verkündet vor der Bundespressekonferenz, er wolle Parteichef und damit Angela Merkels Nachfolger werden. Darüber werden die 1001 Delegierten der CDU am 7. Dezember, auf ihrem Bundesparteitag in Hamburg, abstimmen. Friedrich Merz wird gegen Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn antreten. Wahrscheinlich wird es auf ein Duell zwischen Merz und Kramp-Karrenbauer hinauslaufen, und der Gewinner wird danach gute Chancen haben, es zum neunten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland zu bringen. Oder zur Kanzlerin.

Sollte tatsächlich Friedrich Merz auf die große Bühne zurückkehren, ein 63-jähriger Mann, der sich vor neun Jahren aus dem Bundestag verabschiedete? Als Erlöser wird er bereits von manchen Wählern und Parteimitgliedern gefeiert, weil er das Land, das von Angela Merkel überfordert worden sei, mit sich selbst versöhnen könne. Ein Experiment hat begonnen: die Suche nach einem Politiker, in dem die Partei sich selbst erkennt – und in dem sie zugleich das Bild gespiegelt sieht, das sie sich von Deutschland macht. Ein Mann, der sich von der großen Politik im Groll abwandte, ist wieder da, auch das hat es noch nie gegeben. Ist Friedrich Merz das, was von ihm erwartet wird: ein starker Mann, der seiner Partei durch geradlinige Führung inneren Frieden bringt?

Es gibt Orte, die viel über einen Menschen verraten, weil sie davon zeugen, wie dieser Mensch auf die Welt schaut, in gewisser Weise sind es weltanschauliche Orte. Der frühere Verkehrsminister Peter Ramsauer lernte beim Angeln an seinem eigenen Teich, dass die schnellen Fische den gemächlichen immer die Nahrung wegschnappen. Horst Seehofer, der Innenminister, baute sein Leben in seinem Hobbykeller nach, mehr als 20 Jahre lang arbeitete er an seiner Modelleisenbahn.

Der charakteristische Ort des Friedrich Merz ist der Flugplatz Arnsberg-Menden im Sauerland. Kein Ort zum Protzen, kaum größer als eine Lichtung im Wald. Der Weg zum Flugplatz ist nur schlecht zu finden.

Ulrich Bettermann ist ihn oft gefahren, manchmal gemeinsam mit seinem Freund Friedrich Merz. Der 72-jährige Unternehmer Bettermann besitzt in der kleinen Stadt Menden im Sauerland eine große Firma, die Systeme für Gebäudetechnik herstellt. Bettermann hat den Flugplatz gekauft, er ist Multimillionär, das erleichtert ihm vieles. "Wollen Sie mehr über Merz erfahren? Dann fliegen Sie mit", sagt Bettermann in seinem Büro. Er sei zur Jagd in Brandenburg verabredet, ein paar Wildschweine in der Schorfheide erlegen, nur 35 Minuten Flug.

An einer Wand in seinem Büro hängen vier gleich große Fotos. Bettermann mit seinem Freund Gerhard Schröder. Bettermann mit seinem Freund Franz Josef Strauß. Bettermann mit seinem Freund Hans-Dietrich Genscher. Bettermann mit seinem Freund Helmut Kohl. Das Foto mit seinem Freund Friedrich Merz steht noch aus. "Wenn er Kanzler wird, macht er es ähnlich wie Schröder und holt sich für den inneren Zirkel hervorragende Berater", sagt Bettermann voraus. Dass er sich dazu zählt, versteht sich von selbst.

Als er Merz Ende der Siebzigerjahre auf einer Parteiveranstaltung mit Kohl kennenlernte, habe er gleich gedacht: "Der ist für Höheres gut. Ein Parademann, nicht so klein und dick wie ich." Bettermann stutzt einen Moment, dann sagt er: "Rufen wir ihn doch mal an." Er wählt die gespeicherte Nummer des Kandidaten, aber Merz geht nicht ran. Danach ertönt auf dem Telefon ein Pling, eine SMS von Merz trifft ein. "Ich kann gerade nicht sprechen."