Zweimal in seinem kurzen Leben setzte sich der kanadische Pianist Glenn Gould an den Steinway-Flügel, um die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach einzuspielen: im Juni 1955, zu Beginn seiner Karriere, und 1981, wenige Monate bevor er an den Folgen eines Schlaganfalls starb. Konzerte gab er zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. Die Zukunft gehöre der Schallplatte, hatte Gould Mitte der Sechzigerjahre erklärt und fortan keine Bühne mehr betreten.

Auch deshalb wurden seine späteren, digital aufgenommenen Goldberg-Variationen, auf denen er im Hintergrund mitsummt, zum Millionen-Seller: Niemals wieder wurde ein Interpret so sehr mit einem Musikstück identifiziert, das er nicht selbst geschrieben hatte.

Am 5. Dezember versteigert das Auktionshaus Bonhams in New York die Partitur, mit der Glenn Gould bei der legendären Aufnahme von 1981 gearbeitet hat: 56 Seiten mit unzähligen Kommentierungen in verschiedenen Farben, die den ursprünglichen Notensatz zum Teil kaum mehr erkennen lassen. Die Partitur enthält dabei weniger interpretatorische Notate zu Bachs Vorlage als vielmehr Hinweise auf Goulds eigene Arbeitsweise. Der nahm nämlich jede Variation, für die er eigentlich gar keine Noten benötigte, gleich dutzendfach auf. Anschließend wählte er jene Takes aus, die er für die gelungensten hielt: Auf diese Weise wurde der Interpret schließlich doch noch zum Komponisten.

Wer der Einlieferer des Autografs ist, den Bonhams als "Heiligen Gral der Glenn-Gould-Handschriften" bezeichnet, will das Auktionshaus nicht verraten. Der mögliche Preis scheint angemessen: Bis zu 150.000 Dollar werden erwartet.