Er kann zornig werden – dann kippen seine Neonmundwinkel nach unten. Er kann gleichgültig dreinschauen – dann schieben die Motoren an den Mundgelenken die gebogene Neonröhre in eine waagerechte Position. Wenn er traurig wird, leuchten in den Augen zusätzlich zwei waagerechte Röhren – Achtung, Tränen! Und natürlich kann er das machen, was ihm seinen Namen gegeben hat: lächeln. Smilen. Mundwinkel nach oben, Augen offen – alles paletti in der HafenCity.

Der in acht Meter Höhe auf der Kibbelstegbrücke angebrachte Neon-Smiley ist eine Art Stimmungsbarometer. Die drei Künstler Julius von Bismarck, Benjamin Maus und Richard Wilhelmer füttern die interaktive Skulptur mit Daten aus mehreren Überwachungskameras, die in der HafenCity auf Passanten gerichtet sind. Die Bilder, die diese Kameras liefern, werden von einer Software ausgelesen, die die gelieferten Gesichtsausdrücke in vier Kategorien sortiert: glücklich, traurig, überrascht und wütend. Die Software errechnet aus den Gesichtsausdrücken der Passanten den Mittelwert und schickt das Ergebnis an den Smiley, der dann die entsprechende Visage macht. Wenn die Sonne in der HafenCity scheint, wenn die Auftragslage in den Büros solide ist, wenn den Touristen die Schiffs- und Waffensammlungen im Maritimen Museum gefallen und wenn in der Elbphilharmonie kein unerwarteter Freejazz die Zufallsbesucher von ihren Sitzen vertreibt: dann wird der Smiley wohl ein freundliches Gesicht aufsetzen. Und wenn der Smiley über einen sehr langen Zeitraum sehr schlechte Laune hat? Ist es dann womöglich Zeit, die Polizeikräfte in der HafenCity zusammenzuziehen? Ellen Blumenstein lacht: "Oder man müsste der Marketingabteilung der HafenCity mal Bescheid sagen."

Das Auftaktprojekt der ersten HafenCity-Kuratorin ist programmatisch. Dass nämlich in Hamburgs Retortenstadtteil Kunst und Kultur für gute Stimmung sorgen sollen – das ist natürlich ein Anspruch, dem sich die meisten ernst zu nehmenden Kulturschaffende versagen.

In den Nullerjahren gehörte die kulturelle Bespielung der Dauerbaustelle HafenCity zum Konzept. Künstler waren, zumindest zeitweilig, gern gesehen auf den von Baugruben unterbrochenen Brachen. Sie sollten mit temporären Architekturprojekten (Baltic Raw), Ausstellungen in Containern (Subvision) oder einem Zelttheater (Vor uns die Sintflut von Schorsch Kamerun) Aufmerksamkeit für das Stadtentwicklungsvorhaben erzeugen. Nun ist ein guter Teil des Stadtteils fertig – doch zwischen der Grandezza der Elbphilharmonie und der Banalität von Tango-Abenden auf den Magellanterrassen gibt es nicht viel kulturell Interessantes. Der Ehrgeiz aber, dass der neue Stadtteil mehr sein möge als nur ein Besserverdiener-Quartier mit vielen Firmen und Touristenattraktionen, der ist groß bei der stadteigenen HafenCity GmbH, die das Projekt verwaltet. Vor über zwei Jahren wurde daher die Stelle eines HafenCity-Kurators ausgeschrieben. Ellen Blumenstein, die im November mit dem Neonröhren-Smiley (Public Face) ihre Projektreihe "Imagine the City" eröffnet, ist eine Besetzung, von der man ziemlich sicher sein konnte, dass sie den Stadtteil nicht einfach mit harmlosen Kulturspektakeln aufhübschen würde. Die 42-Jährige hat sich als Chefin der Berliner Kunst-Werke und als Co-Kuratorin der RAF-Ausstellung Zur Vorstellung des Terrors einen Namen gemacht. Am Anfang habe man ihr erst mal die Plätze gezeigt, wo man Kunst aufstellen könnte. Schön und gut – aber Blumenstein will mehr. Nämlich eine Auseinandersetzung mit diesem geplanten, hochaufgeladenen Ort.

Der Neonsmiley, das Public Face, wie die Künstler ihn nennen, schlägt mehrere Fliegen mit einer Klappe: Er möbliert den Stadtteil mit einem populären Symbol, funktioniert also als Hingucker und Touristenattraktion. Gleichzeitig unterläuft er die populäre Erwartung an Kunst, derzufolge sie in erster Linie als Publikumsmagnet die Laune heben soll. Der Smiley lenke den Blick "weg von der eigenen Stimmung auf die aller anderen", sagt Blumenstein. "Das ist für mich das wichtige Thema, denn der Faktor Mensch fehlt in der HafenCity ein wenig. Man plant hier Gebäude und Infrastruktur – dass sich darin Menschen ungeplant bewegen, das Gefühl dafür fehlt uns noch."