Am Ende bleibt nur Erschütterung, denn es ist etwas mächtig schiefgelaufen in der Strafjustiz. Sie darf Verbrecher verfolgen und zur Rechenschaft ziehen, und sie darf Übeltäter durch effiziente Ermittlung und Strafen abschrecken. Doch sie darf nicht ihrerseits Menschen zerstören und selbst zum Übeltäter werden.

Frank S. sitzt im Büro seines Rechtsanwalts, blickt auf den schwarzen Himmel vor dem Fenster und sagt, er sei verdammt froh, dass gerade Winter ist. Es wird gottlob früh dunkel, sodass er sich wenigstens abends aus dem Haus trauen kann. Dann schleicht er sich zum Einkaufen raus, am liebsten kurz vor Ladenschluss gegen 20.30 Uhr, da trifft er garantiert niemanden mehr. Er will die Blicke nicht spüren, sagt er. Und das Getuschel nicht hören. Bis vor einem halben Jahr war Frank S. einfach bloß ein Nachbar in einem Mehrfamilienhaus in Hamburg-Wandsbek. Ein alleinstehender, grauhaariger Mann von hagerer Statur und mit kantigem Gesicht, 54 Jahre alt, arbeitsloser Maler. Jetzt ist er für immer einer, der eines Mordversuchs verdächtigt wurde.

Als die Polizei bei dem Opfer Mona G. anrief, war sofort die Todesangst wieder da

Im Februar wurde Frank S. vor den versammelten Nachbarn und den Kameras der Boulevardpresse in Handschellen aus seiner Wohnung abgeführt, den Kopf gesenkt, das Gesicht kaum von der Mütze verdeckt. Über Monate musste er mit einer drohenden langjährigen Gefängnisstrafe leben, für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Über Wochen saß er auf der Anklagebank des Hamburger Landgerichts und wirkte dabei wie erloschen. Erst jetzt, nach seinem Freispruch, ist in seinem Blick so etwas wie Kampfgeist zu erkennen. Jetzt blitzen seine Augen, wenn er von der Verhaftung erzählt: vorbei an den gaffenden Anwohnern. Im Prozess hat er kein Wort gesagt. Nun, da er als Gefangener in der eigenen Wohnung lebt, kann er sich kaum bremsen. "Was hier passiert ist, hat mir mein Leben kaputt gemacht", sagt er wütend. Man hört seiner Stimme die unzähligen gerauchten Zigaretten an.

Die Geschichte, die im Desaster endete, beginnt vor fast vier Jahrzehnten am Rande einer Kleingartensiedlung in Hamburg-Steilshoop, einem Viertel, das aus dem Boden gestampft wurde, um schnell Wohnraum für möglichst viele Menschen zu schaffen. Hochhäuser, Betonghettos, ein schwieriges Milieu. Hier wohnte Frank S. Und hier lebte Mona G. Sie ist 16 Jahre alt, als sie am 1. November 1980 spätabends von einer Freundin zu Fuß nach Hause läuft, einen dunklen Fußweg entlang. Da kommt ihr ein junger Mann entgegen, etwa in ihrem Alter, der packt sie plötzlich, wirft sie zu Boden und sticht mit dem Messer auf sie ein. Dann zerrt er sie ins Gebüsch und versucht, sie zu vergewaltigen. Weil Passanten vorbeikommen, lässt er von dem Mädchen ab und flieht. Mona G. überlebt nach einer Notoperation knapp.

Ein Trauma – und doch nur der Auftakt. Die Polizei sucht Spuren, ermittelt erfolglos, gibt schnell auf. Unterdessen machen in Steilshoop Gerüchte die Runde, "der Frank" habe was mit der Sache zu tun. Kurz zuvor war im Viertel schon einmal eine junge Frau attackiert worden. Sie konnte sich befreien, war sich aber sicher, den Täter erkannt zu haben. Und sie nennt einen Namen: Frank S., damals ebenfalls 16 Jahre alt. Er gehört einer Clique an, die bekannt ist in der Gegend. Die Polizei führt die jungen Männer in einer sogenannten Rockerdatei. Das haben die Ermittler aber bereits vergessen, als wenig später der Fall Mona G. zur Anzeige kommt. Ein neuer Fall, ein ähnliches Muster. Die Beamten hören nichts von den Gerüchten.

Die Ermittlungen versanden. Später wird dann auch noch das wichtigste Asservat vernichtet: das Messer vom Tatort. 15,5-Zentimeter-Klinge, hellbraune Messerscheide, geriffelter Griff aus Horn. Warum es verschwindet, das kann heute niemand mehr sagen. Es wird sich als größter Fehler bei den polizeilichen Ermittlungen herausstellen, letztlich bleibt er aber nur einer von vielen. Die Polizei schließt die Akten. Dies ist der erste Teil der hässlichen Geschichte.

Der zweite folgt vier Jahrzehnte später. 2016 hat die Hamburger Polizei die Sonderkommission Cold Cases gegründet. Sie soll sich alte, ungeklärte Fälle noch einmal mit moderner Kriminaltechnik vornehmen – und stößt auf den Fall Mona G.

Die Soko-Ermittler ziehen die alten Akten aus dem Schrank, jedenfalls deren Rudimente. Sie lesen die alten Aussagen, entdecken ein verblichenes Foto des Tatmessers – das immerhin gibt es noch. Es ist ein Ermittlungsansatz, ein erster. Steven Baack, der junge Leiter der Soko, entscheidet, das Bild zu veröffentlichen. Im Oktober 2017 bilden Hamburger Tageszeitungen das Messer ab, und kurz darauf meldet sich aufgeregt eine Zeugin – es ist jene Frau, die vor Mona G. das Opfer jenes ersten Überfalls in Steilshoop war. Der in der Zeitung beschriebene Fall Mona G. habe viele Parallelen zu ihrem eigenen, sagt sie. Und sie sagt, sie habe der Polizei doch seinerzeit einen Tatverdächtigen genannt: Frank S.