Dieser Fall eskaliert am 6. Juni 2017, einem sonnigen Dienstagnachmittag, als 20, vielleicht 30 Jugendliche das Haus der Jugend in Wilhelmsburg stürmen. Die Jungen, eigentlich noch Kinder, sind zwischen elf und 14 Jahre alt, sie kennen sich aus in dem Gebäude. Normalerweise machen sie hier Hausaufgaben oder spielen Tischtennis. Jetzt treten sie die Tische und Stühle im Foyer um, beschmieren die Spiegel auf den Toiletten, kippen die Mülleimer aus. Sie randalieren, bis die Polizei kommt.

Spätestens an diesem Dienstag wird klar, dass das Haus der Jugend in Wilhelmsburg einen ernst zu nehmenden Gegner hat: Hassan M., ein Islamist, der seit Monaten versucht, die Kinder aus dem Haus der Jugend auf seine Seite zu ziehen, auf die Seite des radikalen Islams. Offenbar hatte Hassan M. den Angriff auf das Jugendzentrum befohlen, weil er die weltoffenen Grundsätze des Hauses ablehnt – und vielleicht auch, weil er seine Macht über die Jugendlichen unter Beweis stellen wollte.

Wovon hängt es ab, ob sich ein junger Mensch radikalisiert, ob er zum Islamisten wird oder sich den Anwerbungsversuchen widersetzen kann? In dieser Geschichte geht es nicht nur um Hassan M., sondern auch um Abeo, einen der Jungen, der beim Angriff auf das Jugendzentrum dabei war. Diese Geschichte zeigt, wie die Annäherungsstrategien von Islamisten in Hamburg funktionieren und was man tun kann, um sie zu durchkreuzen. Die ZEIT hat die Versuche Hassan M.s, das Jugendzentrum in Wilhelmsburg zu unterwandern, über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren rekonstruiert.

Beim ersten Gespräch mit der ZEIT sitzt Abeo in einem der Besprechungsräume im Haus der Jugend: Ein inzwischen 17-jähriger junger Mann, schmal und hochgewachsen und ganz in Schwarz gekleidet. Er heißt eigentlich anders, in diesem Text ist sein Name geändert, um ihn zu schützen. Es fällt ihm nicht leicht, sich an alle Einzelheiten von damals zu erinnern, aber er versucht es. Geblieben ist vor allem ein Gefühl, das Gefühl vom Tag des Angriffs auf das Jugendzentrum: "An diesem Tag", sagt Abeo, "ist mir bewusst geworden, dass Hassan wirklich böse ist."

Abeo lernt Hassan M. im Sommer 2016 kennen. Die Tage sind lang und warm, die großen Ferien stehen kurz bevor. Abeo ist damals 14, er hört gern Deutsch-Rap, spielt Fußball und verbringt die Nachmittage im Haus der Jugend. Der schlichte Flachbau mit den rosa Fassaden liegt versteckt zwischen Bäumen und Bolzplatz, gegenüber der Eingangstür stehen zwei Tischtennisplatten.

Hier hängen Abeo und seine Freunde auch an dem Tag ab, an dem Hassan M. sie das erste Mal anspricht. Sie kennen den Mann mit dem Bart und dem islamischen Gewand vom Sehen, begrüßen ihn mit Handschlag und hören zu, als er anfängt zu erzählen. "Hassan hat über das Kopftuch geredet, über Muslime, den Islam und über das Haus der Jugend", erinnert sich Abeo. "Er meinte, dass dort nur Ungläubige arbeiten." Als M. fertig ist, gibt er den Jungs ein Eis aus.

Seit Jahren steigt in Hamburg die Zahl der Islamisten. Derzeit sind es laut Verfassungsschutz gut 1560. Rund 780 davon sind Salafisten, Anhänger einer ultrakonservativen Koranauslegung, bekannt für ihre offensive Missionierungsarbeit. Auch Hassan M. soll sich, wie sich Mitarbeiter des Jugendzentrums erinnern, früher an Koran-Verteilaktionen in Hamburger Fußgängerzonen beteiligt haben.

Ulrich Gomolzig leitet das Haus der Jugend seit Jahrzehnten. Mit seinen glänzend weißen Turnschuhen, dem marineblauen Poloshirt und den braun gebrannten Armen sieht der 66-Jährige eher so aus, als verbringe er seine Zeit auf dem Golfplatz und nicht an einem sozialen Brennpunkt. Fragt man ihn nach Hassan, erinnert er sich, dass er ihn als einen unauffälligen Jungen kennenlernte: ein schüchterner, freundlicher Kerl, Sohn libanesischer Einwanderer.

Gomolzig erinnert sich auch daran, dass M. vor ein paar Jahren mit Anfang 20 einen Verkehrsunfall hatte und dadurch längere Zeit im Krankenhaus lag. Dass er sich verändert habe, als er danach das erste Mal wieder im Haus der Jugend vorbeischaute. Er trug einen langen Bart und während der Fastenzeit Kaftan und Takke, die traditionelle islamische Kopfbedeckung. Und er erzählte Gomolzig, dass er den Weg zu Gott gefunden habe.