Es gibt Theateraufführungen, die durch ihre Grundierung in Erinnerung bleiben: durch den Hintergrund, vor dem sie stattfinden. Die Grundierung dieser Italienischen Nacht an der Berliner Schaubühne ist Dunkelheit, durchschwebt von Zigarettenrauch und Flussauendunst. Vor uns steht ein Haus, dessen Neonschild ("Gasthaus Lehninger") ein Sichtloch in die Nacht brennt. Wenn es das Gasthaus Lehninger nicht gäbe, wäre es auf der Bühne finster.

Das Wirtshaus setzt sich in Bewegung, es steht auf einer Drehbühne. Die Fassade gleitet am Publikum vorbei, und im Lauf der Drehung öffnet sie sich und gibt mehr Licht: Wir sehen einen Schankraum und einige Zecher. Während sich die Bühne dreht wie ein Karussell, in das man besser nicht steigt, hört man eine treibende, gar nicht dörfliche, sondern großstädtische Musik, die an Bernard Herrmanns Soundtrack zu dem Film Taxi Driver erinnert. Solche Musik begleitet unsteuerbare Wesen in ihre persönliche Finsternis. Es ist aber auch eine kollektive Finsternis: Alle Figuren des Stücks sind ja bald nach den dargestellten Geschehnissen untergegangen.

Die Italienische Nacht Ödön von Horváths, entstanden 1930, handelt vom Kampf, den sich Demokraten und Faschisten vor Hitlers Machtergreifung in einer süddeutschen Kleinstadt liefern. Der Kampf befindet sich in einer spätzivilen Phase, er tobt vorerst nur auf dem Gebiet Kultur & Brauchtum: Die Faschisten feiern ihren Deutschen Tag just in jenem Gasthaus, dem Lehninger, in dem die Republikaner am Abend eine Italienische Nacht steigen lassen. Indem der Regisseur Thomas Ostermeier Horváths Stück in einem soziopolitischen Schaukasten spielt, worin die Figuren wimmeln wie Termiten im aufgeschnittenen Termitenbau eines naturkundlichen Museums, lässt er erkennen, worauf es ihm ankommt: auf lehrreiche Anschaulichkeit. Seine Inszenierung ist die Besichtigung einer historischen und die Warnung vor einer kommenden Katastrophe. Die Bühnenzeit, in der die Aufführung tickt, ist die heutige.

Die Demokraten (bei Horváth: der republikanische Schutzverband) sind ein zerstrittener, von Eitelkeiten und privaten Lustinteressen zerrissener Haufen. Bei Ostermeier sind sie nun Sozialdemokraten, und indem er sie in ihren Eigenarten zeichnet, erledigt er sie. Martin, der proletarische Wortführer der Linken, wirkt in der Darstellung von Sebastian Schwarz müd, angefressen und herablassend aggressiv: ein Mann, der, wie man so schön sagt, Hass schiebt – immer vor sich her. Ein kalter Ideologe, der zwar recht hat mit seinen Warnungen, dem es aber ganz entschieden eher ums Rechtgehabthaben geht als um bessere Verhältnisse. Dann gibt es den Musiker Karl (Christoph Gawenda), der zwar der guten Sache verpflichtet ist, seinem Trieb aber noch mehr. Und es gibt den Stadtrat: Hans-Jochen Wagner spielt ihn als einen Ausbund an Herrschaftsentschlossenheit, durch den die Risse der Feigheit zacken.

Der Kulturkampf, der im Gasthaus Lehninger nun anhebt, ist auch ein Kampf um die größere Vitalität, und den gewinnt eindeutig das faschistische Lager. Während die Linken zu fürchterlicher Heubodenmusik tanzen, zu nachgespielten Schlagern, hören die Rechten einen harten Wut-und-Boden-Rock. Die Neonazis wirken wie zuversichtliche Leute, die ihren Zorn genießen, während das Fest der Linken den Beobachter zu traurigen Gedanken nötigt: Wer so tanzt und solche Musik hört, der hat was zu verbergen – vor allem vor sich selbst.

Es wird ja immer gesagt: Während die Rechte einig marschiert, trägt die Linke ihre Widersprüche offen aus, wobei sie an sich selbst zerbricht – und am Ende ihre Brüche linkisch kaschiert. Auch Thomas Ostermeiers Inszenierung krankt in gewissem Sinn an diesem Umstand. Sie widmet ihre ganze liebevolle Häme den Sozis – und lässt die Nazis in der Unschärfe der Randerscheinung stehen. Die Linken zeichnet er als gemütlich zugedröhnte, extrem beschränkte Leute, die einander nur besoffen noch ertragen. Die Aggression unter ihnen baut er zur Saalschlacht aus. Solche Linken brauchen keine Nazis, sie zerschlagen sich schon selbst die Gesichter.

Die Prügelei unter Gleichgesinnten, die nun anhebt, ist ein orgienhaftes Schaubühnenkunstwerk. Voller Hingabe hingetreten und hingefuchtelt vom Ensemble, wirkt der Kampf fast zeichentrickartig – ungefähr wie bei Disney, wenn zehn Gestalten miteinander derart ins Raufen geraten, dass man sie gar nicht mehr sieht, sondern nur noch eine von Flüchen und Blitzen durchzuckte Staubwolke. Hier wird mit echter Liebe gehasst, und man denkt als Zuschauer: Es kommt auf jedes Detail an, kein Schlag trifft daneben, ich darf mir keinen Tritt entgehen lassen. Aber wozu die Sorgfalt der Darstellung? Man sieht ein Pack, das sich schlägt und zusammen untergeht. Man kann daraus Folgendes schließen: Hätten sie ihre Schläge doch in andere Gesichter gesetzt als in die der Kameraden. Hätten sie doch anderswohin getreten als in die Weichteile ihrer Mitstreiter. Man kann aber auch denken: Es geschieht ihnen recht.

Am Ende sehen wir Menschen an einem Abgrund. Der Stadtrat öffnet die Tür des Gasthauses und will in die Nacht hinaus: Draußen wartet der rechte Mob, man hört einen Sprechchor ("Volks-ver-rä-ter"), und die Linken stehen erstarrt, mit offenem Mund. Sie werden die Italienische Nacht nicht überstehen.

Dieser Berliner Schluss des Stücks (bei Horváth geht die Sache harmloser aus) erinnert an Thomas Bernhards Schauspiel Elisabeth II . Bei Bernhard sieht das Publikum mit an, wie (überflüssige) Menschen auf einem Balkon stehen – und mit ihm in die Tiefe stürzen. Worauf eine Staubwolke in den Theatersaal schlägt. Das ist alles, was bei Bernhard von den Geopferten bleibt: Qualm und Finsternis. Der Schluss hat was von einem Gottesurteil.

Auch Thomas Ostermeier gibt seine Figuren eher leichten Herzens auf. Indem er die Italienische Nacht aus der Zeit vor Hitler in die Zeit nach Hitler versetzt, will er sagen: dass unsere Zeit wieder eine Vorzeit ist. Dass wir auf der Hut sein sollen. Aber die Inszenierung wirkt manchmal fast, als könne ihr Regisseur gar nicht erwarten, dass die Vorzeit zu Ende geht.

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