Berichte bestellt ein französischer Präsident viele. Gerade erst hatte Emmanuel Macron einen Bericht in den Reißwolf befördert, der Ideen enthielt, wie sich der Etat für Vorstadtpolitik aufstocken ließe. Würde es dieses Mal anders sein? "Der Plan war nicht fertig", gesteht die Co-Autorin des "Berichts über die Rückerstattung afrikanischen Vermögens", Bénédicte Savoy. Sie wusste, dass auch ein fertiger Bericht noch keinen politischen Plan macht. Sie, eine in Berlin tätige französische Kunsthistorikerin, und ihr Mitstreiter Felwine Sarr, ein senegalesischer Ökonom aus Dakar, bezeichnen sich mit französischem Understatement gerne als "einfache Intellektuelle". Sie sind keine Berater des Präsidenten, gehören nicht zu seinem erweiterten Kreis. Sie haben in Paris keine Lobby, eher im Gegenteil: Sie leben weit weg. Was sollte ihr Bericht schon bewirken?

Ziemlich planlos kamen Savoy und Sarr also im Élysée-Palast an. Nur mit ihrem Bericht in der Tasche, der natürlich sehr radikal war. Es war spät am vergangenen Freitagabend. Macron stand ein weiteres Wochenende voller Demonstrationen ins Haus. Von Franzosen, die keine Ökosteuer aufs Benzin zahlen wollen. Von Leuten, denen Afrikas alte Vermögen in Frankreich vermutlich ziemlich egal sind. War das der uneingestandene Grund, warum es der Präsident plötzlich ernst meinte? Erlitt Macron einen politischen Kurzschluss und verwechselte den Randalier-Geist der Franzosen, der sich früher brutal in Afrika austobte, mit den eher harmlosen Vergehen vor seiner Haustür? "Das ging schnell", wundert sich Savoy noch einige Tage später, als sie an ihren Freitagabend im Élysée-Palast zurückdenkt.

Doch man kann es auch ganz anders sehen: Im Gegensatz zu allen anderen hatte der Präsident einen Plan. Er wählte die Autoren, weil sie keine Pariser sind. Er stellte ihnen eine waghalsige Aufgabe, die mit allen französischen Gewohnheiten brach: an Afrika zurückgeben, was dem Schwarzen Kontinent gehört. Unzählige Schätze, grandiose Kunstwerke, wertvollste Schnitzereien. Zum Beispiel die wunderbare Holzstatue Bochio nach dem Bild des Königs Ghézo aus dem heutigen Benin. Auch sie sorgfältig gelagert in einem Pariser Museum. Doch all die Schätze geklaut, von raubenden und mordenden Franzosen. "Der Kolonialismus war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", hatte Macron in seinem Wahlkampf vor zwei Jahren gesagt. Also versprach er bei seiner ersten Afrikareise als Präsident im November 2017, die Beute der Verbrecher zurückzugeben. Und genau das empfehlen nun Savoy und Sarr in ihrem Bericht.

Die beiden Autoren waren sechs Monate in Afrika und Europa unterwegs. Wenn man ihnen glaubt, rannten sie überall offene Türen ein: afrikanische Wissenschaftler, die von der Rückkehr ihrer verlorenen Kulturobjekte begeistert wären, europäische Kuratoren, die dafür die Zeit längst gekommen sähen. Staatliche Behörden auf beiden Seiten, die mitspielen wollen. Als wäre alles ganz einfach. Savoy beobachtet einen "Generationenwechsel" unter den Akteuren in Kunst, Politik und Museen, der den Wandel möglich macht. Lauter Leute, die es für selbstverständlich erachten, dass man zurückgibt, was einem nie gehörte.

Sicher, das weiß auch Savoy, gibt es die Berufskrankheit europäischer Ethnologen, die sich einem Objekt so hingeben, dass sie nicht mehr von ihm lassen wollen. Doch die Betroffenen selbst seien sich dieser Krankheit in der Regel bewusst, fanden Savoy und Sarr heraus. Auch ließen sich die Sorgen von Museumsdirektoren, dass ihre Häuser nach Rückgabe der afrikanischen Schätze leer stehen könnten, anscheinend leicht beseitigen. 70.000 afrikanische Objekte aus den Gebieten südlich der Sahara lagern zum Beispiel im Pariser Völkerkundemuseum Quai Branly-Jacques Chirac. Doch nur was aus Afrika angefragt wird, soll zurückgehen. Etwa jene 26 bekannten königlichen Holzstatuen nach Benin. Schon 2010 wurden sie dort als Leihgabe in der Hauptstadt Cotonou ausgestellt, wo sie über 200.000 Besucher anzogen. Per Präsidentenbeschluss vom vergangenen Wochenende sollen sie nun endgültig zurück in ihre Heimat. Im Quai Branly sollen dann Kopien ausgestellt werden. Und für die mehreren Tausend anderen Objekte aus Benin, die im Pariser Museum verwahrt sind, gibt es bislang keine weiteren Anfragen. Sie werden erst im Laufe der Jahre eintrudeln, je nachdem, was Behörden und Museen in Benin begehren.