Wer "Kulturkampf" und "culture war" in den Google Ngram Viewer eingibt – ein Programm, das online verfügbare Buchpublikationen aus fünf Jahrhunderten durchsucht –, macht einen interessanten Befund. Der deutsche Begriff beginnt seine Karriere, wie erwartet, um 1880. Diese erste Hochphase, in der das Wort vor allem im Zusammenhang mit Bismarcks Kampf gegen die Katholiken im Kaiserreich auftaucht, dauert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Danach flacht die Kurve ab. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt die Linie wieder kurz nach oben, zu Beginn des Kalten Krieges, um dann in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren ein Hoch zu erreichen. Die Zeit von 1975 bis 2008 schließlich – hier hört die durch Ngram abgedeckte Zeitperiode auf – ist von heftigen Schwankungen geprägt.

Das Profil für den Begriff culture war sieht vollkommen anders aus: Zunehmend häufig wird er erst seit den frühen Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts verzeichnet. Die Kurve verläuft von da an unaufhaltsam steil nach oben.

Google Ngram ist natürlich ein krudes Instrument: Die Resultate basieren auf einer nicht standardisierten Datenmasse; alle Quellen werden gleich gewichtet, egal wie bedeutend oder unbedeutend sie sind, und ihre Zusammensetzung ändert sich von Jahr zu Jahr. Einen ersten Eindruck eröffnet der Ngram Viewer aber durchaus.

In den USA, zeigt ein näherer Blick, galt der Begriff culture war anfangs als Lehnwort aus dem Deutschen. Mittlerweile jedoch hat er sich voll und ganz eingebürgert. Es kommt heute sogar vor, dass das Wort Kulturkampf in Deutschland als amerikanischer Import betrachtet wird. "Nach Chemnitz", war kürzlich im Berliner Tagesspiegel zu lesen, scheine "ein Kulturkampf, wie wir ihn aus den USA kennen, auch in Deutschland nicht mehr ausgeschlossen". Und Steve Bannon, der frühere Chefstratege Donald Trumps, kündigt an, den ultrarechten Parteien Europas beibringen zu wollen, wie der "Kulturkampf" in ihren jeweiligen Staaten zu führen sei.

Der deutsche Kulturkampf von damals und der amerikanische culture war von heute sind natürlich zwei verschiedene Dinge. Die heißen Themen der US-Debatte – Waffenkontrolle, Abtreibung, der Klimawandel und die Gleichberechtigung unterschiedlicher sexueller Identitäten – spielten in den 1870er- und 1880er-Jahren keine Rolle. Umgekehrt ist der damals ausgefochtene Streit zwischen antiklerikalen Kräften und dem Katholizismus längst Geschichte. Unter der Oberfläche jedoch sind etliche Kontinuitäten zu beobachten – vor allem die vielerseits beschworene Gefahr einer unwiderruflichen Spaltung der Gesellschaft.

Dabei war der Kulturkampf des ausgehenden 19. Jahrhunderts keineswegs auf Deutschland beschränkt. In vielen Staaten Europas standen selbstbewusste liberal-nationale Parteien einer katholischen Kirche gegenüber, die entschlossen war, der betont säkularen Ideologie des Liberalismus entgegenzutreten. Der konkrete Anlass zum Streit variierte von Land zu Land.

In Italien riss die Annexion des Kirchenstaates und der Stadt Rom durch das neu gegründete italienische Königreich samt der "Einkerkerung" des Papstes im Vatikan einen tiefen Graben zwischen päpstlichen und antiklerikalen Italienern auf. In Frankreich fochten die politischen Eliten der Dritten Republik und die klerikalen Kräfte erbitterte rhetorische Gefechte aus, die so heftig waren, dass der Eindruck entstand, es gebe nun "zwei Frankreichs" – das fromme, kirchentreue und das laizistische. In Belgien tobte zwischen 1879 und 1884 der sogenannte Schulkampf: Über die Frage, in wessen Händen die Bildung liegen solle, gerieten liberale und katholische Demonstranten in den Straßen von Brüssel mehrfach aneinander. In Österreich und Ungarn kreiste der Kulturkampf um die Zivilehe, die Schulpolitik und die Beerdigung von Nichtkatholiken auf kirchlichen Friedhöfen. Aber egal was die jeweiligen Auslöser waren: Immer ging es in existenzieller Weise um die Werte und kollektiven Praktiken des modernen Lebens.