Die Tat selbst dauerte nur wenige Minuten, doch sie lässt sich genau rekonstruieren. Um 12.52 Uhr kommt ein Mann in den Supermarkt und geht direkt auf die Alkoholregale zu. Wenig später folgt ihm ein zweiter Mann. Sie schauen sich kurz um, dann nehmen sie abwechselnd Ware aus dem Regal – teuren Cognac und Whisky. Zwölf Flaschen stopfen sie in einen grauen Rucksack. Dann zahlen sie an der Kasse eine Flasche Cola und verlassen den Markt. Dass alles mit Kameras überwacht wird, scheint sie nicht zu stören.

Die Videoaufnahmen hat der Inhaber Thomas Kost noch nicht gesehen, als das Duo seinen Supermarkt verlässt. Aber er spürt, dass etwas nicht stimmt. Zahlreiche Diebstähle in der Vergangenheit haben ihn wachsam gemacht. Er sieht, wie die zwei Männer mit einem vollen Rucksack in einen abseits abgestellten Wagen steigen und losfahren. Instinktiv springt Kost in sein Auto und nimmt die Verfolgung auf. Seine Frau prüft währenddessen den Warenbestand und die Abverkäufe per Computer. Zahlreiche Flaschen Alkohol fehlen. Als sie daraufhin die Videoaufzeichnungen kontrolliert, entdeckt sie den Raubzug.

Seit mehr als zehn Jahren betreibt das Ehepaar Kost einen Supermarkt in der Landgemeinde Spraitbach im baden-württembergischen Ostalbkreis. Der Wettbewerb mit den Discountern ist hart, Ladendiebe sind für die Kosts ein echtes Problem. Diesmal will Thomas Kost die Diebe nicht mit der Beute entkommen lassen. Er bleibt an ihrem Auto dran und alarmiert die Polizei. Sechs Streifenwagen fahren los, um die Diebe zu stellen.

Kost lotst die Polizisten zu einem abgelegenen Feldweg, auf dem die Männer angehalten haben. Die Beamten stellen die zwölf Flaschen Spirituosen im Wert von 300 Euro sicher und nehmen die Täter fest. Sie stammen aus Georgien und waren als Touristen nach Deutschland eingereist.

Dass er Glück gehabt hat, die Männer auf frischer Tat zu erwischen, weiß Kost aus leidvoller Erfahrung. Meist bemerkt er erst einige Tage nach einer solchen Tat, dass er bestohlen wurde, dann ist es zu spät, und die Ware taucht nie wieder auf. In der Einzelhandelsbranche gibt es dafür sogar ein Fachwort: Inventurdifferenz.

Gerade Banden sind für Ladeninhaber ein Problem, denn sie richten in kurzer Zeit einen hohen Schaden an. Die Profis haben es vor allem auf Alkohol, Zigaretten, Rasierklingen, Kosmetika und Parfüms abgesehen, Produkte mit hohem Verkaufswert. Aber selbst für Milchpulver für Säuglinge oder Zahnpasta gibt es einen Schwarzmarkt. Die Täter verkaufen ihr Diebesgut meist über das Internet. Oft arbeiteten die Banden regelrechte Bestelllisten ab, berichten Ermittler. Das EHI Retail Institute, das vom Einzelhandel finanziert wird, beziffert den jährlichen Schaden auf 2,3 Milliarden Euro.

Die Hälfte aller Diebstähle geht auf das Konto professioneller Banden

Rechnerisch 888 Ladendiebstähle pro Tag registrierte die Polizei im vergangenen Jahr deutschlandweit – insgesamt 324.136 Fälle. Die Kriminalstatistik erfasst allerdings nur die Taten, die bei der Polizei angezeigt werden. "Hinter jedem angezeigten Täter bleiben rund 65 Ladendiebe unerkannt", schätzt das EHI.