© Anna Haifisch für DIE ZEIT

Was bisher geschah: Unser Autor und seine Freundin leben seit diesem Sommer im Auto. Jetzt sind sie in die USA gezogen – und dort in einen Transporter. Alle Folgen der Serie finden Sie hier.

Jetzt sind wir also tatsächlich in den USA, bei meinem Freund Tuck, der 25 Jahre lang als Hobo illegal auf Güterzügen durch das Land gezogen ist. Mit Tuck bin ich auf meinen ersten Zug gesprungen, und eigentlich hat diese ganze Auto-Geschichte mit ihm angefangen. Damals warnte er mich noch: Wenn du erst mal bei 100 Stundenkilometern von einem Waggon gepinkelt hast, hast du keine Lust mehr auf ein normales Leben. Jetzt ist er sesshaft, und wir sind es nicht.

Das Haus von Tuck und seiner Frau Jewel befindet sich in Minneapolis, 50 Meter von den Gleisen entfernt. An den Wänden: Eisenbahnlogos, Poster (Ride Freight – It’s free) und Fotos seiner ehemaligen Kumpel. Dogman Tony, New York Slim. Menschen, die ihre ganze Habe in einem Rucksack verstauen und die moderne Gesellschaft "snivellization" nennen, Jammerlappengesellschaft.

Einige von ihnen treffen sich regelmäßig bei Tuck, ruhen sich aus, stocken Lebensmittel und Wasser auf, bevor sie 50 Meter weiter auf die Plattform eines Getreidewaggons klettern und auf das Abfahrtssignal der Diesellok warten. Ein Hobohaus. Voller Geschichten vom Unterwegssein. Von hier aus wollen wir nach einem neuen Auto suchen. Die Aubergine mussten wir in Deutschland zurücklassen.

Vor drei Wochen in Bayern hatte ein Mechaniker ihr noch mal unter die Haube geschaut: "Naa, das lohnt sich nicht mehr. Ich würde dem Wagen ein gescheites Begräbnis gönnen." Aber wir haben es nicht übers Herz gebracht, das Auto in die Schrottpresse zu geben. Meine Freundin bot es auf eBay Kleinanzeigen an. Für 400 wollte es keiner, selbst bei 200 meldete sich niemand. Erst als es kostenlos war, klingelte unser Telefon. Ein paar Tage später fuhren wir zu einem Bauernhof bei Landsberg. Ela begrüßte uns, eine Frau um die 40. An ihrer Seite Steven, ihr Mann, ein kaffeebraunes Baby im Arm.

Steven kommt aus Gambia in Westafrika. Auf meine Frage, wie zum Teufel er hier gelandet sei, sagt er: "Long story." Diese "Long Story" ist die inzwischen so bekannte Erzählung: durch die Sahara bis Libyen, über das Mittelmeer, schließlich via Italien nach Deutschland. Er sagt, er will die Aubergine seiner Familie in Gambia schenken, und es macht uns froh, dass sie an einem anderen Ort weiterlebt. Zu den Reparaturen sagt Steven nur: "Not a problem."

Die Autos, die wir zusammen mit Tuck in Minneapolis anschauen, sind alle riesig. Was für Karren! Mit Holzvertäfelung, Plüschsitzen, Sofas, die sich auf Knopfdruck in Betten verwandeln.

Wie zum Beispiel dieser Chevy-Van, Baujahr 87, der gerade mal 500 Dollar kostet. Allerdings fährt sich dieser Traum in Türkis wie ein Lkw, und noch dazu ist er so verrostet, dass man die Außenhaut mit den Händen abziehen kann. Bei dem Preis: trotzdem verführerisch. Aber ausgerechnet in diesem verrückten Land werden wir vernünftig: Die Straßen sind endlos, manchmal so einsam, dass man stundenlang kein anderes Auto sieht, kein ADAC weit und breit. Das kann wahnsinnig romantisch sein. Aber man ist unter Umständen auch weit weg von Recht und Ordnung. Eine kleine Chronik der vergangenen Wochen: In Pittsburgh erschießt ein Amokläufer elf betende Juden in einer Synagoge, in Kalifornien ein Ex-Soldat zwölf feiernde Menschen in einer Bar, und ein Kerl, der in einem Van in Florida lebt, verschickt Rohrbomben an Promis und Politiker.

Als wir im Sommer aus unserer Hamburger Wohnung ins Auto zogen, dachten wir, unser alltägliches Koordinatensystem zu verlassen. Das stimmte aber nur halb. Wir wussten, wie die Leute in Deutschland ticken und wohin man sich im Notfall wendet. In den USA fangen wir wieder von vorn an, als wir endlich den einzigen Schlüssel zu einem dunkelgrünen Dodge-Ram-Van in Empfang nehmen. Jahrgang 2001, 140.000 Meilen, V8-Maschine. Für 2250 Dollar. Kleine Extravaganz: ein Fernseher inklusive Fernbedienung und VHS-Videorekorder.

Tuck gibt uns Gaskocher und Autoatlas mit auf den Weg, dazu die Warnung, niemals in West-Memphis oder in Ost-St.-Louis zu halten, und vergewissert sich, dass wir einen goon stick, einen Schlagstock, griffbereit haben. Drei Tage später erwachen wir auf einem Walmart-Parkplatz in Missouri. Es ist drei Uhr nachts und regnet in Strömen. Wir spüren die Bananenkisten im Rücken. Unsere billige Luftmatratze leckt im großen Stil. In Unterwäsche pumpe ich die Matratze wieder auf, ärgere mich über meinen Geiz, um fünf Uhr morgens dann noch mal. Ich schaue mich um: Um uns herum stehen ein Dutzend Wohnmobile und drei Vans. Die Parkplätze von Walmart sind bekannt dafür, dass im Auto lebende Menschen hier gerne übernachten.

In Deutschland galten wir als Freaks, mich haben immer wieder Zuschriften erreicht, in denen wir als unglaubwürdige Selbstbetrüger beschimpft wurden und als Schmarotzer, die die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft von anderen Menschen schamlos ausnutzen. In Amerika leben eine Million Menschen in Wohnmobilen, wer weiß, wie viele es in ihren Vans tun. Hier fallen wir allenfalls auf, weil unser Auto im Vergleich immer noch sehr klein ist. Auf dem Koloss neben uns steht: Home is where you park it.

Kurz vor Memphis in Tennessee hören wir im Radio von drei aufeinanderfolgenden Kaltfronten. Inzwischen sind wir besessen vom Wetterbericht. Das Klima in diesem Land ist so extrem wie alles andere. In Kalifornien brennen Häuser, in den Südstaaten werden sie von Tornados zerstört. Ich navigiere den Van durch ein Gewitter nach dem anderen. P. liegt auf dem Bett und schaut sich The Big Lebowski auf VHS an, die Kassette haben wir in einem Laden der Heilsarmee erstanden.

Ich denke an die Leute, die unser Projekt in Deutschland mit viel Wohlwollen und praktischer Hilfe unterstützt haben, die beiden rumänischen Wanderarbeiter zum Beispiel, die uns per Leserzuschrift empfahlen, ein McFit-Abo abzuschließen, um deutschlandweit in allen Filialen duschen zu können. Und an den Lkw-Fahrer, der uns erklärt hat, wie wir eine Toilette in die Aubergine einbauen können. Auch all den anderen Leuten, die uns mit Einladungen, Tipps und persönlichen Geschichten versorgt haben, möchte ich an dieser Stelle herzlich danken.

Als P. nach dem Film wieder neben mir sitzt, laufen die Scheibenwischer auf höchster Stufe. Der Himmel gießt alles aus, was er hat, die Autobahn ist ein Meer aus roten und gelben Lichtern. "Überwintern habe ich mir anders vorgestellt", sagt P. kurz vor der Autobahngabelung nach Dallas. "In Texas soll es sehr warm sein", antworte ich. "Das sind allerdings noch 1700 Kilometer." Einmal Hamburg–München und zurück. P. zuckt mit den Schultern, schaut mich mit ihren wildbachgrünen Augen an und sagt: "Na und?" Der Motor brummt ein Lied von Aufbruch und Freiheit, wie damals in Deutschland. Nur viel lauter.