Jetzt lockt es wieder: Schmalzgebäck, süße Mandeln, Punsch ... Allüberall bieten die Budenbetreiber auf den Weihnachtsmärkten ihre ungesunden Versuchungen an. Das ist deutsche Tradition, reichlich Fett, Zucker und Alkohol gehören dazu. Und es ist Teil eines weitverbreiteten ungesunden Lebensstils. Die Folgen sind unübersehbar: schwellende Bäuche und als Langzeitfolge eine reduzierte Lebenserwartung – Letztere ist jetzt amtlich.

Denn gerade wurde das neue Opus Magnum der Weltgesundheit publiziert, die Global Burden of Disease Study (übersetzt etwa: Studie zur globalen Krankheitslast) des amerikanischen Institute of Health Metrics. Genauestens lässt sich da studieren, wie es in 195 Staaten um Gesundheit, Krankheit und durch Krankheiten verlorene Lebensjahre steht. So etwa, dass es in vielen Entwicklungsländern aufwärtsgeht, dass vielerorts aber medizinisches Personal fehlt und dass die Lebenserwartung zwar insgesamt erheblich gestiegen ist, sich aber einem Plateau nähert. Unser Land der Fressmeilen schneidet nicht gut ab.

Auf dem letzten Platz der Liste von 22 westeuropäischen Staaten liegt die Lebenserwartung in Deutschland. Am höchsten ist sie für männliche Neugeborene mit 82,1 Jahren in der Schweiz und für Mädchen mit 85,8 Jahren in Spanien. Zum Vergleich, in Deutschland sind es 78,2 und 83 Jahre. Andere Daten legen nahe, dass dies die Folge eines besonders ungesunden Lebensstils ist. Denn der Anteil besonders übergewichtiger Menschen ist im westeuropäischen Vergleich hierzulande besonders hoch, außerdem wird weltmeisterlich viel Alkohol konsumiert und wenig Sport getrieben. Da darf es niemanden verwundern, wenn wir nicht ganz so lange leben.

Daraus folgt die einfache Erkenntnis: weniger schlemmen und saufen, mehr schnaufen – ein Dreiklang, mit dem die Menschen Mühe haben. Denn das zeigt die Studie ebenfalls: Die Mehrheit der Erkrankungen geht auf ungesundes Verhalten zurück. Danach folgen Stoffwechselprobleme, und erst an letzter Stelle der Ursachen stehen Umweltfaktoren. Feinstaub und Stickoxide aber bekommen in Deutschland eine beträchtliche Aufmerksamkeit. Reichlich neue Regeln sollen die Gefahren eindämmen, siehe Fahrverbote.

Keine Frage: Das ist vernünftig! Wenn uns weniger Essen offenbar ebenso schwerfällt wie weniger Auto fahren, wo bleiben dann staatliche Interventionen zur Verhütung von Krankheiten durch ungesunden Lebensstil?

Finnland lässt besonders salzige Produkte kennzeichnen, um Bluthochdruck zu verhindern. In Schottland gibt es einen Mindestpreis für Alkohol, Großbritannien besteuert extrem süße Getränke. So etwas kann sich positiv auf die Gesundheit auswirken. In New York City war das Verbot ungesunder Transfette in Restaurants erwiesenermaßen effektiv.

Deutschland aber lässt seine Bürger fatal in Ruhe. Die Medizin kümmert sich hier um Individuen. Die ganze Bevölkerung in den Blick zu nehmen und durch staatliche Eingriffe ihre Gesundheit zu verbessern – dieser Ansatz ist verpönt. Angesichts der immensen Verlockungen durch billige und ungesunde Lebensmittel – nicht nur auf den gerade eröffneten Weihnachtsmärkten, sondern das gesamte Jahr über – wäre aber ein wenig Verhaltenshilfe das Gebot der Stunde.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio