Neulich habe ich es geschafft, aus einem Mann alles rauszuholen. Einem süßen jungen Mann. Saß in meinem Lieblingscafé am Nebentisch, neben einem älteren Paar, alle drei stumm und er fast unsichtbar, ein energisches Kleinkind turnte auf ihm herum. Mund zu und Augen auf nur für das Gegenüber. Ihnen gegenüber war diese dralle Person, Typ maternelle Walküre. Sie hatte sich ein Baby vor den mächtigen Bauch geschnallt. Sie plapperte in Richtung ihrer drei stummen Begleiter. Sie redete ohne Punkt und Komma. Sie holte gelegentlich Luft, was eine wohltuende Sekundenpause ergab, dann weiter. Manchmal erhob sie sich und wippte dann heftig, fast wütend, wohl um auch noch das maunzende Baby zum Schweigen zu bringen. Ihre Arme beschrieben Bögen und Kreise, ihre Stimme schwang sich auf in die hohe Decke des Cafés, wo herrliche Kandelaber hängen. Brach sich die Stimme an diesen goldenen Schalen? Da war ein metallischer Sound, er drillte sich in die zitternde Gehirnmasse.

Dem Café wurde zur Kenntnis gebracht: Der Tagesablauf der Kinder. Der Mittagsschlaf. Ihr Prinzip der Grenzsetzung. Ihre Vorliebe für Schuhe, ihre Verachtung für schicke Kleider, die Ablehnung von Make-up. Nicht mit ihr. Alles zu seiner Zeit. Ja, auch keine Zeit für Bücher. Wie denn. Oder Kino. Wann denn. Die Kinder sind nur einmal klein, und ich, also ich ...

Ich versuchte zu lesen. Dieses Café bietet eine breite Palette von Presseprodukten, ich hatte das als Aufforderung zum Lesen verstanden, ich beugte mich also vor und machte diese lächerliche, unterwürfig verlegene Bewegung, ein federndes Zusammenführen von Zeigefinger und Daumen. Dazu ein Gehauchtes: "Bitte, könnten Sie, ein wenig, nur eine Kleinigkeit ... leiser?"

Die Person stockte. Augen wurden Schießscharten. Und dann, dann brach es über mich herein. Der junge Mann setzte sein Kletterkind ab und befahl mir, seine Frau in Ruhe zu lassen. Er richtete sich auf und blaffte, was mir einfalle.

Seine Frau. Die sich nur unterhalten wolle, mit ihnen. Wie ich dazu käme, schnauzte er, seine Frau zu unterbrechen, seine Frau, die ... et cetera.

Voilà. Da war er: der Ritter in ihm. Ritter gilt als ausgestorbener Beruf, wahlweise als Faschingskostüm aus ungefährlichem Weichplastik für Kinder von Eltern, die Saab fahren. Ritter ist maximal ein hochillustrativer Band in einer pädagogischen Kinderbuchreihe. Das Adjektiv ritterlich meint heute bloß noch das männliche Aufreißen schwergängiger Türen für zarte Damen. Vor Jahren erlebte ich einmal in Frankfurt, wie Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender bei Axel Springer, sich nächtens mit einem Schlachtruf durch die vor der Bar gestaute Horde kämpfte, um einer langbeinigen Blondine einen Gin zu besorgen. Ich bin nicht blond und kann nur von einem einzigen Rittereinsatz berichten, es war auf einem Londonflug, die Lufthansa hatte die Kekse gestrichen, und mein Nachbar hatte meinen Magen knurren hören und befahl der Stewardess, mir aber sofort, er stand auf, brüllend ... Peinlich.

Ich habe vor Augen, wie Theresa May diese Woche im Unterhaus ihre Brandreden zu Europa halten muss, unter diesem herrlichen alten Gebälk. Und auch niemand hören will, was sie sagt, weil alles ja so ein Unsinn ist und alle sie hassen, zu Recht natürlich, und weit und breit kein Richard Löwenherz in Sicht ist, der das Schwert zieht, um sie vor dem Hoho und Hehe der Meute zu schützen. David Cameron? Der das alles verbockt hat? Eine Memme. Boris Johnson? Sabbelt. Philip May? Ist, wie Professor Sauer, der Unsichtbare. May muss, wie ja auch Merkel, durch alles allein durch, und das ist, Männer!, auch ein bisschen traurig.

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