So plötzlich kommt am Montag das Ende der zwölften Partie, so unerwartet, dass zunächst überhaupt niemand versteht, wie sie ausgegangen ist. Eben bricht die dritte Stunde des Kampfes an, es sind 31 Züge gespielt. Der norwegische Weltmeister Magnus Carlsen hat die schwarzen Steine aus der Sizilianischen Verteidigung heraus in eine gefährliche Angriffsposition gebracht.

Gewinnt er diese Schlacht gegen seinen amerikanischen Herausforderer Fabiano Caruana, behält er den Titel, denn alle elf Runden zuvor sind unentschieden ausgegangen. Interessante Partien zwischen zwei Spielern, die gleichauf sind.

Carlsens schwarzfeldriger Läufer strahlt wie ein Röntgenlaser über die große Diagonale, mitten in die weiße Rochadestellung hinein. Carlsens verbliebener Springer ist am Zentrum ideal postiert, um jederzeit mit einem Satz auf den gegnerischen König zuzupreschen. Carlsens Randbauer rast rechts außen vor, und jetzt zieht Carlsen auch noch einen Turm auf die a-Linie.

Carlsen, Carlsen, Carlsen, Carlsen! Es scheint seine Stunde zu sein. So entspannt hat man ihn seit Tagen nicht gesehen. Wie ein großer, weicher Lappen liegt er auf seinem Chefsessel, während Caruana, die Hände an der Brille, die Ellenbogen aufgestützt, um den Überblick ringt.

Der Herausforderer steht "beschissen", wie sich die Freunde des königlichen Spiels ausdrücken, wenn ihnen das Gehobene ihres Zeitvertreibs mal kurz aus dem Sinn gerät. Sein Springer ist im Abseits gestrandet. Seine Türme harmonieren nicht. Seine Läufer richten nichts aus. Die weiße Dame – tapfer, tapfer – steht allein da draußen im schwarz heraufziehenden Sturm. Und in dieser Lage hat er kaum noch zehn Minuten Bedenkzeit für neun Züge …

Im Kommentarraum schürt die ungarische Großmeisterin Judit Polgár die Glut der Erwartung. "Was wir jetzt sehen", verspricht sie ihrem Publikum im Saal und im Netz, "ist die sportliche Seite des Schachs. In der nächsten Stunde geht es rund!" Das viktorianische College im Londoner Stadtteil Holborn verwandelt sich in eine Fieberstätte. Gerufen wird in Gedanken: Magnus, Magnus! Fabi, Fabi!

Die Partie 12 zum Nachspielen

Wenige Augenblicke später reicht der Herausforderer die Hand übers Brett. Aus!

Wie, was? Hat er aufgegeben? Warum? Es ist doch noch nichts verloren! Er muss sich was einfallen lassen, verdammt noch mal, sich verteidigen, zurückschlagen! Sekunden der Verwirrung. Dann wird klar: Die Partie ist remis! Das zwölfte Remis! Und nun enthüllt sich der Schachwelt etwas, das niemand für möglich gehalten hätte: Der Weltmeister hatte dem Herausforderer in sehr viel besserer Stellung ohne Not Remis angeboten.

Fabiano Caruana war so perplex, dass er etliche kostbare Minuten darüber nachdenken musste. Seit wann verteilt der gnadenlose Carlsen Geschenke? Ist schon Weihnachten, wie draußen am Piccadilly Circus? Hatte Carlsen ihn nicht noch am Samstag 36 Züge lang durch ein nicht zu gewinnendes Bauernendspiel mit ungleichfarbigen Läufern gejagt unter der Begründung, manchmal gehe ja doch noch was? Jetzt reicht Caruana Carlsen die Hand zum Zeichen des Einverständnisses. Remis!