Am 22. März 1968 erschien im Feuilleton der ZEIT ein Gedicht von Martin Walser. Sein Titel: Allgemeine Schmerzschleuder. Sein Untertitel: (Ein rechtzeitiger Vorschlag für eine Behandlung des Osterfestes 1968 in einer deutschen Zeitung). Das Gedicht beginnt so: "Ostern / schönes Feuilleton / aus Blut und Blüte / du, das feiern wir! / statt Golgatha, Verdun / und Auschwitz lassen wir diesmal / holzschnitthaft Hué herkommen / und sagen keinem hierzuland nach / daß er diesen Krieg andauernd billigt / sagen das nicht der CDU nach / die diesen Krieg andauernd billigt / sagen das nicht der SPD nach / die diesen Krieg andauernd billigt / wir feiern vielmehr feierlich statt / Golgatha, Verdun und Auschwitz / diesmal Hué".

Es handelt sich um ein Spottgedicht. Verspottet wird, na wer wohl? Das schöne Feuilleton natürlich, das steht ja gleich in der zweiten Zeile. Warum wird es verspottet? Weil es zum bevorstehenden Osterfest wieder mal seine schön-schaurigen Erbauungsaufsätze zu den großen Menschheitstragödien drucken und "aus Blut und Blüte" einen pseudotiefsinnigen Zeilen-Honig zusammenrühren und den Leuten ums Maul schmieren wird. "Blut und Blüte / tief genug geschleudert / will doch Deutschen alles Honig werden", so endet das Gedicht, das eine böse Polemik gegen das vom 68er-Geist noch kaum berührte, unpolitische Feuilleton zur Zeit des Vietnamkrieges ist.

Angegriffen wird hier nicht nur die Zeitung, die das Gedicht druckt, sondern eine ins metaphysische Fatum verliebte Publizistik, die sich der konkreten politischen Stellungnahme und Analyse verweigert. Das Stilmittel, das Walser hier wählt, ist: ironische Mimesis. Er imitiert das hohle Tragödengeschwätz des Gegners, mit dem er sich in einem höhnischen "wir" kurzschließt. Die Ironiesignale sind klar gesetzt: Das Feuilleton agiert "holzschnitthaft", es "feiert feierlich" mal dieses, mal jenes Menschheitsverbrechen, wie die Feiertage gerade fallen, Golgatha, Verdun, Auschwitz, Hué. Das ist unmissverständlich: blanker Hohn. Dahinter steckt: eine Kritik der Instrumentalisierung von Menschheitsverbrechen zu feuilletonistischen Zwecken.

Warum interpretieren wir dieses Gedicht jetzt mit fünfzigjähriger Verspätung? Weil Martin Walser das Gedicht, leicht bearbeitet und gekürzt und ohne die erklärenden Überschriften, in seinem aktuellen Aphorismenbuch Spätdienst wieder aufgenommen hat und vom Rezensenten der FAZ, dem Literaturwissenschaftler Christian Metz, leider wörtlich – und deswegen komplett falsch verstanden wurde. Walser, behauptet Christian Metz in seiner von der uneigentlichen Redeweise des Gedichtes vollständig absehenden Rezension, suggeriere, "dass Auschwitz unter verschiedenen Ereignissen einzureihen sei". Das ist die Wiederholung des Maximalvorwurfs: Wie 1998 in der Paulskirchenrede "relativiert und bagatellisiert" Walser Auschwitz bereits in einem Gedicht aus dem Jahr 1968. Schon hier höre man die typischen revisionistischen Signale: den "altbekannten antisemitischen Topos". Walser, so sekundiert Julia Encke in der FAS, "macht also einfach immer weiter". In solchen Momenten, so die Literaturkritikerin, sei "die Kritik", die das nicht bemerke, "tatsächlich am Ende".

Am Ende ist in diesem Fall aber eher die Fähigkeit zum genauen, Kontexte und Tropen berücksichtigenden Lesen. Was immer man von Walser hält: Diese in verstellter Redeweise verfassten Verse, die mit den Mitteln der Simulation die gegnerischen Schöngeister entlarven, eignen sich beim besten Willen nicht dazu, die Paulskirchendebatte im Wasserglas der FAZ-Gedichtinterpretation zu wiederholen. Ist das nun eine Katastrophe? Viel schlimmer: ein Fehler.