"Töpfern erschien mir als das Natürlichste der Welt", sagt der 51-jährige Steirer Matthias Kaiser. © Nathan Murrell

Wer durch die niedrige Tür des alten Bauernhauses von Matthias Kaiser tritt, glaubt, er sei im Japan des 19. Jahrhunderts gelandet. In dem Raum mit unebenem gestampften Lehmboden steht ein grober, mindestens drei Meter langer Tisch aus Holzplanken, auf der anderen Seite zwei Töpferscheiben aus Eichenholz. Darüber, auf einem Holzregal, das von der Decke hängt, trocknen Teller, Schüsseln und Vasen.

"Töpferei Sufi" steht auf dem unscheinbaren Schild ein paar Meter vor dem Bauernhaus in der oststeirischen Gemeinde Grafendorf. Die Werke, die der gebürtige Grazer hier erschafft, sind in Designmuseen von Belgien bis Korea zu sehen, in Galerien von Melbourne über Taipeh und London bis Japan. Dahinter steckt eine Geschichte, die beim Tellerwaschen in den USA beginnt, in der japanische Töpferdynastien ebenso vorkommen wie persische Sufi-Meister sowie Kunden, die sich lange in Geduld üben müssen: Matthias Kaiser, 51 Jahre, hat so viel zu tun, dass man schon einmal ein Jahr auf seine Erzeugnisse warten muss. Und das, obwohl er kaum für etwas anderes Zeit aufwendet als für seine Arbeit.

Kaiser ist klein, drahtig und hat die Gelenkigkeit eines Mannes, der viel am Boden sitzt – in seiner Wohnung gibt es weder Stühle noch Couch, sein niedriger Küchentisch steht auf japanischen Tatami-Matten. Am auffälligsten an ihm sind seine erstaunlich blauen Augen und seine Stimme, die ein wenig an Arne Elsholtz, den verstorbenen Synchronsprecher von Tom Hanks, erinnert.

Sieben Tage die Woche werkt Kaiser in seinem Studio, meist von elf Uhr vormittags bis zwei, drei Uhr in der Nacht, und wenn sein alter Brennofen in Betrieb ist, kommt es vor, dass er auch mitten in der Nacht alle 30 Minuten aufsteht, um ihn weiter anzuheizen. Wenn man ihn fragt, warum er so viel schuftet, fragt er zurück, was er denn sonst tun soll. Er isst selten mehr als eine Mahlzeit pro Tag (stattdessen trinkt er Unmengen Kaffee und raucht sehr viele Zigaretten), er geht nicht aus und empfängt kaum Besuch. Bloß jedes zweite Wochenende fährt er zu seiner Tochter nach Wien, und nach Weihnachten geht er mehrere Wochen auf Reisen, früher oft nach Indien, derzeit meist nach Afrika.

Die Kundenliste des Keramikkünstlers umfasst amerikanische und russische Millionäre, die bei ihm Geschirrservice für ihre Villen oder Jachten bestellen, hippe Eissalons in San Francisco oder Spitzenrestaurants in Europa, für die er maßgetöpferte Teller anfertigt.

Am berühmtesten ist Kaiser aber für seine Vasen. Manche sind eher rund, manche eher eckig, vielen gemein ist eine im besten Sinn schlichte Eleganz. Einige sehen aus, als wären sie organisch gewachsen wie eine exotische Pflanze, andere, als hätte sie ein Raumschifftechniker einer fremden Zivilisation zusammengeschweißt. Ihre Oberflächen sind manchmal rau mit einer Art Porzellan-Überzug, der abblättert wie Farbe von altem Holz, und manchmal so spiegelglatt poliert und glänzend wie ein gefrorener See. Die Farben, die Kaiser seinen Objekten einbrennt, reichen von erdigem Braun über blasses Rosa bis hin zu glänzendem Platin – was umso bemerkenswerter ist, als er ein wenig farbenblind ist.

Sechs Monate lang wartete Kaiser in einem Dorf in Punjab, bis der Derwisch kam

Geboren wurde Matthias Kaiser in Graz als Sohn von zwei Biologen. Mit 18 brach er die Schule ab, verkaufte sein Auto und flog mit dem Geld nach New York, wo er mit einem Touristenvisum als Tellerwäscher, Kellner und Türsteher arbeitete. Am Western Broadway kam er eines Tages an einem Stand von Töpfern aus Pennsylvania vorbei, die ihre Arbeiten verkauften: Vasen und Töpfe, mit blauen Punkten verziert. Kaiser war fasziniert, konnte sich aber keines der Stücke leisten. Also besuchte er selbst Töpferklassen – und war sofort süchtig. "Töpfern erschien mir das natürlichste Ding der Welt zu sein", sagt er.

Drei Jahre lang studierte er Töpferei auf der Parson School of Design in New York, mit gefälschter Social-Security-Nummer, weil sein Touristenvisum längst abgelaufen war. Weil Kaiser bald merkte, dass alles, was ihm gefiel, aus Asien kam, brach er sein Studium in Manhattan ab und übersiedelte nach Japan, wo die Kunst der Keramik zu einem erlesenen Handwerk entwickelt wurde: zunächst zu einem Meister nach Seto, der Keramikhauptstadt des Landes. Dort lernte er, Teller zu formen und Wabi-Sabi zu verstehen, die japanische Ästhetik des Gealterten, Benutzten, nicht Perfekten. Dann reiste er in den Süden des Landes zu einem Spross einer der berühmtesten Töpferdynastien.

Zurück in Österreich schrieb er sich auf Wunsch seiner Familie an der Universität für Angewandte Kunst in Wien ein, verließ sie aber nach einem Jahr wieder, die vielen Diskussionen langweilten ihn. Sein Großvater war gerade gestorben, Kaiser zog zu seiner Großmutter in das Haus in Grafendorf und richtete sich dort sein Atelier ein. Als Vorbild dienten ihm die Studios und Arbeitsweisen seiner japanischen Meister. Aus Weihnachtsverkäufen in seinem Schuppen und kleinen Ausstellungen in Galerien und Geschäften von Freunden wurden über die Jahre schließlich Aufträge von Museumshops und erste eigene Ausstellungen in Japan.