Sicherlich kennen Sie, lieber Leser, diese berühmten T-Shirts mit Che-Guevara-Konterfei, die mutmaßlich thailändische Kinderhände genäht haben. Und dann ahnen Sie ja wohl bereits, warum der Kapitalismus so unbezwingbar scheint: Selbst mit den Insignien seiner Todfeinde vermag er sich noch die Taschen zu füllen. Anderes Beispiel: Waren es nicht langhaarige Aussteiger, die mit ihren antiautoritären Alternativbetrieben vorwegnahmen, was der heutigen Arbeitswelt Produktivitätssteigerung in nie gekanntem Ausmaß erlaubt? Arbeiten in der Freizeit, flache Hierarchien, Tischtennisplatte im flippigen Kollektivbüro. Wir lernen: Was antritt, um die Verhältnisse zu erschüttern, wird bedingungslos entkernt, einverleibt, vermarktbar gemacht. Kritik ist unter diesen Umständen, seien wir ehrlich, bloß noch eine besonders selbstverliebte Form des Mitmachens.

Folgerichtig empfiehlt Mindstate Malibu: Tragt eure selbstgerechte Kritik nicht länger wie einen Ausweis vor euch her, sondern lieber zu Grabe! Der gerade erschienene Sammelband kuratiert Tweets, Interviews, Kritzeleien und Essays, die sowohl abbilden als auch einordnen, an welchen avantgardistischen Sprachspielen im deutschen Internet aktuell so gewerkelt wird. Die Autoren wildern dabei "ordentlich angegeilt" durch den Theorieapparat von Walter Benjamin und die Floskeln handelsüblicher Start-up-Esoteriker; durch das Vokabelheft von Markus Lanz und durch die Prosa peinlicher Motivationshandbücher ("Manchmal muss ein ganzes Land vom 10-Meter-Brett springen", wobei halt, das stammt von Christian Linder). Das Buch spricht zu uns wie ein an sich selbst wahnsinnig gewordener TED-Talk, in flamingopinker Optik zwischen Achtzigerjahre-Imagos und Kunsthochschulästhetik.

Die Beiträge auf den 320 Seiten stammen unter anderem von Clemens Setz, Leif Randt, Rafael Horzon, Dax Werner und Kurt Prödel. Wenn sie nicht gerade Literaturpreise entgegennehmen (Setz), für Titanic schreiben (Werner) oder Musikvideos produzieren, in denen animierte Delfine zu sphärigem Nuschel-Rap über Palmeninseln flattern (Prödel), erreichen manche der Autoren mit ihren 280-Zeichen-Aphorismen auf Twitter ein Millionenpublikum und beeinflussen die Popkultur der Republik. Zu ihren Fans gehören auch Altstars von Jan Böhmermann bis Jan Delay.

Mindstate Malibu, das bedeutet: Alles wegaffirmieren. Mitspielen und irgendwann den Stecker ziehen. Sich unter falscher Flagge durch die Kabelschächte graben und Internetdiskurs um Internetdiskurs kapern. Während sich andere beim Aufreger der Woche mit den reflexhaft eingeübten Empörungsfloskeln auf ihre jeweilige Seite schlagen, findet man hier erst einmal "alles sehr, sehr geil".

Von Roland Barthes wissen die Autoren nämlich, dass die effektivste Subversion eben immer noch jene ist, die Codes nicht zerstört, sondern aushöhlt. Gleichwohl sind die Taktiken aus Mindstate Malibu, ähnlich wie die Mikrofilme der Geheimagenten im Kino, mit einem Mechanismus versehen: Bevor man ihrer Bedeutung habhaft werden kann, zerstören sie sich. Und irgendwann, so hoffen die Autoren, haben sie die Verhältnisse derart untergraben, dass der herrschende Jargon in sich zusammenfällt. Das nun wäre tatsächlich sehr, sehr geil.

Joshua Groß (Hg.): Mindstate Malibu. Starfruit Publications, Fürth 2018; 320 S., 25 ,– €