DIE ZEIT: Herr Böck, hat die Ministerin recht?

Thomas Böck: Mit Verlaub – nein.

ZEIT: Nein? Sie sagte: "Um in die Fläche zu gehen, können wir uns ein bisschen Zeit lassen." Warum die Eile?

Böck: Es gibt kaum eine Branche, die so durchdigitalisiert ist wie die Landwirtschaft. Teilautonom fahrende Mähdrescher sind schon seit rund 15 Jahren der Standard. Unsere Maschinen sind ebenso lange mit dem Internet verbunden. Gerade haben wir mit den Daten der Europäischen Raumfahrtbehörde (Esa) ein Programm entwickelt, das den Düngerstreuer am Traktor effizient steuert: Mithilfe von Satellitenaufnahmen überprüfen Landwirte am Laptop den Pflanzenwuchs und können mit den Daten dann automatisch die Maschine ansteuern, damit sie auf jedem Quadratmeter Acker weder zu viel noch zu wenig Dünger ausbringt. Es entstehen immer mehr digitale Geschäftsmodelle rund um die Datennutzung. Die Landtechnik ist eine Vorreiterindustrie für die Digitalisierung in Deutschland. Um Daten zu verarbeiten, brauchen wir aber 5G.

ZEIT: Warum genügt nicht der heutige Standard?

Böck: Es gibt bei 4G bislang kein nationales Roaming: Wenn Sie mit Ihrem Handy bei Funklöchern nahtlos von einem bestimmten Anbieter zu einem anderen Anbieter wechseln wollen, geht das nicht. 5G ist die einzige Technik, um die Maschinen auf dem Feld auch ohne Sendemasten via lokalem Netz zu verbinden. Die Maschinen können dann untereinander kommunizieren. Die Aufgaben sind komplex. Der Mähdrescher etwa misst jederzeit, was und wo er arbeitet. Er dokumentiert mithilfe von Sensoren auf jedem Quadratmeter, wie viel Getreide er erntet und in welcher Qualität. Diese Information ist für die Mühle wichtig, in der das Getreide verarbeitet wird. Sie kann dann die richtige Lagerung planen und entscheiden, ob das Getreide getrocknet werden muss. Der Mähdrescher leitet die Informationen über Erntemenge und Qualität an den Traktor weiter, der sie an den Lastwagen weitergibt, der das Erntegut zur Mühle transportiert. So haben Sie eine ressourceneffiziente Logistik und eine lückenlose Dokumentation.

ZEIT: Die Landwirte haben doch auch vor 50 oder gar 100 Jahren Weizen geerntet, Milch produziert und Schweine großgezogen, ganz ohne Internet.

Böck: Selbstverständlich. Aber die Nachweisführung wird immer wichtiger. Gerade wenn Sie die Qualität von Produkten sicherstellen wollen. Früher wurde das ganze Getreide auf einen Haufen gekippt. Heute bekommt man für jede Traktorladung präzise Informationen, die Landwirte können sofort unterscheiden zwischen Qualitätsweizen, der etwa zu Brot verarbeitet wird, oder Futterweizen.

ZEIT: Was steht für die Agrarwirtschaft auf dem Spiel, wenn es kein 5G auf dem Land gibt?

Böck: Der ländliche Raum wird abgehängt, wenn es dort nur 4G und auch das nur entlang großer Straßen oder Wohnsiedlungen geben sollte. Dann können viele Digitalanwendungen, die den Landwirten helfen, effizienter zu arbeiten, nicht eingesetzt werden. Die hiesigen Landwirte verlieren so in Europa und der Welt an Wettbewerbsfähigkeit. Auch zwingt man dann Industrieansiedlungen eher in die Ballungsräume.

ZEIT: Also brauchen wir 5G doch an jeder Milchkanne?

Böck: Gerade dort! Wenn die Kühe auf der Weide stehen, dann wollen Sie wissen: Wie geht es der Kuh? Ist sie gesund? Ernährt sie sich gut? Wie oft muss sie gemolken werden? Schon an der Kuh sind Sensoren angebracht. Und dann geht es zur Milchkanne. Nach dem Melken wird dokumentiert, wie gut ist die Milch? Wie viel Milch hat die Kuh gegeben? Welchen Fettanteil hat die Milch? Sind vielleicht irgendwelche Keime darin? Wenn man Nahrungsmittel aufbereitet, möchte man schon genau wissen, was man bekommt. Sonst kann man das später nur im Nachgang prozesstechnisch korrigieren. Ohne 5G an jeder Milchkanne wird das nichts.