Mein Experiment beginnt mit einer Beichte: Ich bin fürchterlich scheinheilig. Wenn ich die Bilder von Meeren sehe, in denen mehr Müll schwimmt als Fisch, könnte ich heulen. Stehe ich kurz darauf im Supermarkt, kaufe ich Salatgurken, die in Plastik gehüllt sind. Als Modejournalistin schreibe ich regelmäßig über nachhaltige Kleidung, aber wenn ich neue Unterhosen brauche, kaufe ich sie günstig im Dreierpack bei H&M. Kurzum: Mein Lebensstil belastet die Umwelt, und ändern tue ich wenig.

Jetzt bin ich schwanger. Wie für viele Frauen ist das auch für mich ein Anlass, meinen Konsum zu überdenken. Die Modeindustrie verseucht Flüsse mit Chemikalien und Färbemitteln, der Anbau von Baumwolle braucht pro Kilo über 10.000 Liter Wasser, so viel, dass ganze Seen zu Wüsten werden. Seit Jahren überlege ich, meinen Kleiderschrank grüner zu gestalten, nun will ich es durchziehen. Ich will meinem Kind ein gutes Vorbild sein.

Nur: Ist es überhaupt möglich, sich komplett ökologisch anzuziehen? Das will ich im Selbstversuch herausfinden. Mit zwei Bedingungen. Erstens: Das Outfit darf nicht mehr als 450 Euro kosten. Klingt viel, ist es auch, nämlich fast so viel, wie in deutschen Haushalten durchschnittlich für Damenbekleidung ausgegeben wird – in zehn Monaten! Bei den gängigen Modeketten wie Zara, H&M und Primark könnte ich mich dafür mindestens zweimal neu einkleiden, in jedem denkbaren Stil. In der Mode ist es nämlich wie mit Fleisch und Flugreisen: Die Preise sind so niedrig, dass auch mit wenig Einkommen ungehemmt konsumiert werden kann. Die Umwelt kommt das teuer zu stehen.

Die zweite Bedingung für meinen Selbstversuch: Ich brauche ein Outfit, das ich auch mit meinem Geschmack vereinbaren kann. Die schlimmste Umweltsünde ist der Kauf von Dingen, die man nie benutzt. Und das passiert in Deutschland leider ziemlich häufig: Einer Studie von Greenpeace zufolge wird hierzulande jedes fünfte Kleidungsstück so gut wie nie getragen, insgesamt macht das etwa eine Milliarde T-Shirts, Hosen oder Mäntel, die bloß im Schrank hängen. Wenn alle nur das kaufen würden, was sie wirklich tragen, könnte man den ökologischen Kleidungsfußabdruck des gesamten Landes also um 20 Prozent verkleinern.

Ich beginne meinen Shoppingtrip bei Hess Natur. Das Versandhaus verkauft seit den Siebzigern ökologische Mode und hat heute sechs Läden in Deutschland. Auf der Verkaufsfläche entdecke ich Oberteile in modischem Gelb und Lila, weit geschnittene Culotten – und einen wunderschönen grünen Parka. Es ist ein Klassiker, den ich viele Jahre tragen kann und der außerdem so weit geschnitten ist, dass mein Bauch wachsen kann. Die Verkäuferin versichert mir, dass bei ihnen wirklich alles korrekt läuft: Die Baumwolle sei zu 100 Prozent biologisch angebaut, also ohne Pestizide, das Futter aus Wolle von glücklichen Schafen, die Lieferwege würden so kurz wie möglich gehalten. Erster Treffer. Denke ich.

Ein Blick auf das Preisschild bringt Ernüchterung: 349 Euro. Um im Budget zu bleiben, müsste ich dann wohl barfuß und ohne Hose durch den Herbst laufen. Auch ein Experiment, aber vielleicht doch eher für den Sommer. Als Nächstes gehe ich zu Grüne Erde, einem Laden gleich gegenüber. Die Firma aus Österreich ist so etwas wie das Manufactum der Biowelt. Hier wird alles verkauft, von Bettwäsche über Möbel, Kosmetik und Mode. Leider ist nichts dabei, was mir gefällt.

Ein paar Tage später starte ich den nächsten Versuch. Diesmal nicht in der Innenstadt, sondern im Karoviertel bei Glore, einem kleinen Konzeptstore. Gefunden habe ich ihn in der App "Fair Fashion Finder", in der man nach Verkaufsstellen für nachhaltige Mode suchen kann. Für Hamburg zeigt er elf Geschäfte: Wer grün shoppen will, bekommt Bewegung und frische Luft gratis obendrauf. Die Läden sind quer über die Stadt verteilt, nicht, wie man es gewohnt ist, im Zentrum gebündelt.

Bei Glore sieht alles top aus, die Kundschaft ist jung und hip. Wäre ich nicht schwanger, würde ich hier fündig. Aber entweder sind die Sachen zu eng, oder der Preis sprengt mein Budget. So ähnlich geht es mir noch in zwei weiteren Läden. Meine Motivation sinkt. Es ist schwerer als gedacht.