Ein Gespenst geht um in den intellektuellen Debatten zur Gegenwartsgesellschaft, und das schon seit einigen Jahren. Es trägt den Namen Neoliberalismus. Ohne große Umstände ordnen viele Kommentatoren verschiedenste gesellschaftliche Phänomene als "neoliberal" ein: Ob es um Finanzmärkte geht oder den Wohnungsbau, die Krise der Mittelschicht, das Rentensystem oder den Sport, den Hype um Kreativität oder die Selfie-Kultur – überall scheint der Neoliberalismus am Werk zu sein. Meist bedarf dies offensichtlich keiner genaueren Erläuterung mehr. Aber auch bei Sozialwissenschaftlern gibt es die Neigung, den Begriff des Neoliberalismus, der einmal eine recht präzise Bedeutung hatte, zunehmend leichthändig, ja inflationär zu verwenden. Kein Wunder, dass jüngst der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth warnte: Bei diesem Begriff sei mittlerweile "Vorsicht, Vorsicht und nochmals Vorsicht geboten".

Der Neoliberalismus wird tatsächlich momentan als Allzweck-Erklärungsformel überstrapaziert. Das hat Folgen: Es erschwert uns, die tief greifende Transformation, welche die westlichen Gesellschaften seit den 1970er-Jahren erleben, in ihrer ganzen Komplexität zu begreifen. Es macht es damit auch schwieriger, angemessene politische Antworten zu finden.

Dabei hat die sozialwissenschaftliche Neoliberalismus-Diagnose ja ihre Erklärungsleistungen und Stärken, wenn man den Begriff präzise verwendet. Sie bezieht sich auf die zeitgenössische Transformation westlicher Regierungspolitiken. Neoliberalismus heißt dann: Seit dem Ende der 1970er-Jahre findet ein Paradigmenwechsel staatlicher Politik statt – vom Wohlfahrtsstaat à la Keynes zum Wettbewerbsstaat. Die neoliberale Politik, die von Ökonomen wie Friedrich von Hayek oder Milton Friedman vorgedacht wurde, zielt auf eine umfassende Vermarktlichung ab, nicht nur der Ökonomie, sondern der gesamten Gesellschaft. Sie forciert Wettbewerb und Markt, wo es sie schon gibt – etwa auf dem Arbeitsmarkt –, und setzt sie dort ein, wo es sie noch nicht gibt, in der Sozialpolitik etwa oder in der Privatisierung staatlicher Dienste. Konkurrenz erscheint aus dieser Sicht als das Allheilmittel effizienter Vergesellschaftung, vom Individuum werden Selbstverantwortung und Flexibilität verlangt. Margaret Thatcher und Ronald Reagan waren die Ersten, die mit Macht diesen Pfad beschritten haben. Später wurden sie auch für sozialdemokratische Regierungen zu leitenden Zielen.

Natürlich gibt es nationale Unterschiede in der Art und Reichweite dieser Neoliberalisierung, und in den letzten Jahren lassen sich auch Gegentendenzen beobachten, in denen der Staat nicht mehr derart eindeutig auf den Markt setzt. Zweifellos aber hat die neoliberale Politik tief greifende Auswirkungen, von der Umformung des Sozialstaates bis zur Deregulierung der Finanzmärkte. Allerdings darf man nicht vergessen: Mit solch einem präzisen Begriff des Neoliberalismus sind Aktivitäten der Politik, solche des Staates bezeichnet. Nun ist die Gesellschaft jedoch nicht mit dem Staat identisch. Es gibt eine Eigendynamik der wirtschaftlichen, der technologischen und der soziokulturellen Entwicklung.