Ein Gespenst geht um in den intellektuellen Debatten zur Gegenwartsgesellschaft, und das schon seit einigen Jahren. Es trägt den Namen Neoliberalismus. Ohne große Umstände ordnen viele Kommentatoren verschiedenste gesellschaftliche Phänomene als "neoliberal" ein: Ob es um Finanzmärkte geht oder den Wohnungsbau, die Krise der Mittelschicht, das Rentensystem oder den Sport, den Hype um Kreativität oder die Selfie-Kultur – überall scheint der Neoliberalismus am Werk zu sein. Meist bedarf dies offensichtlich keiner genaueren Erläuterung mehr. Aber auch bei Sozialwissenschaftlern gibt es die Neigung, den Begriff des Neoliberalismus, der einmal eine recht präzise Bedeutung hatte, zunehmend leichthändig, ja inflationär zu verwenden. Kein Wunder, dass jüngst der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth warnte: Bei diesem Begriff sei mittlerweile "Vorsicht, Vorsicht und nochmals Vorsicht geboten".