Auf den ersten Blick sieht alles prima aus für uns. Fast alle Menschen in Deutschland, genauer gesagt 94,2 Prozent, nutzen Woche für Woche mindestens eines der Angebote der ARD – Radio, Fernsehen oder Online. Das hat die neueste Studie des Marktforschungsunternehmens GfK zur Akzeptanz der ARD-Programme ergeben. Was für ein Ergebnis, da könnte man sich glatt hinlegen und einfach so weitersenden.

Könnte man machen, wäre aber weder zukunftsweisend noch schlau. Denn wer tiefer in die Studie einsteigt, wird erkennen, dass ein "Einfach weiter so" nicht infrage kommt: Zwar findet die große Mehrheit aller Befragten die ARD immer noch generell wichtig für diese Gesellschaft, aber nur zwei Drittel meinen, dass wir auch für sie persönlich wichtig sind. Im Umkehrschluss heißt das: Für immerhin ein Drittel sind wir es eben nicht. Hinzu kommt eine Tendenz: Je jünger die Befragten werden, desto mehr schwindet diese Wichtigkeit.

Diese Erkenntnis ist alarmierend und sie zeigt: Nur zu senden reicht heute in Zeiten der digitalen Kommunikation nicht mehr. Es muss uns gelingen, die Menschen, insbesondere die digital sozialisierten meist jüngeren, wieder mehr an uns zu binden. Dafür sollten wir selbst auf Empfang gehen. Um besser zu verstehen, für wen wir produzieren.

Dies geht nur im Dialog mit unserem Publikum. Klingt simpel, aber es ist gar nicht so einfach, plötzlich zuzuhören, wenn man gewohnt ist, immer selbst zu reden. Wenn Sprache Bewusstsein schafft, dann müssen wir selbstkritisch einräumen, dass unser ganzes Denken auf Einbahnstraße programmiert ist: Wir sind der "Sender", wir "strahlen" unsere "Sendungen" aus, und da draußen sitzen unsere "Zuschauer" und "Zuhörer" an den "Empfangsgeräten".

Die bisherige Einbahnstraße des analogen "Wir senden – ihr schaut oder hört zu" wurde durch neue digitale Kommunikationsmöglichkeiten längst in eine Autobahn mit regem Kommunikationsgegenverkehr verwandelt. Wir müssen lernen, diesen Gegenverkehr sinnvoll zu nutzen und in einen systematischen Dialog mit unserem Publikum zu kommen. Dies stärkt die Bindung und eröffnet uns neue Perspektiven für die Berichterstattung. Mit anderen Worten: Journalisten können die Sichtweisen des Publikums nutzen, um sich selbst vor Redaktionsblindheit zu schützen.

Konkret bereitet Radio Bremen deshalb derzeit den Aufbau eines digitalen Panels von Bremerinnen und Bremern vor, mit dem wir regelmäßig über die Themen sprechen wollen, die unser Bundesland bewegen. Ein Beispiel: Derzeit ist Bremen voller Baustellen. Jeden Tag stauen sich die Autos an den neuralgischen Punkten der Stadt. Wenn wir in unseren Redaktionen heute darüber sprechen würden, wie wir darüber berichten, dann würden wir vermutlich mit der These an die Sache herangehen: "Bremen ist genervt." Aber ist das wirklich so? Bremen ist eine Fahrradstadt, und vielleicht findet die Mehrheit der Bremerinnen und Bremer es ja ganz gut, dass der Autoverkehr ausgebremst wird. Vielleicht – vielleicht aber auch nicht. Wir wissen es schlichtweg nicht. In jedem Fall verengt unsere Arbeitshypothese den Ansatz für unsere Berichterstattung. Im schlechtesten Fall werden Autoren losgeschickt, um Belege für die Annahme der Redaktion einzusammeln.