"Sie haben ja noch ein richtiges Klappfahrrad!" Anerkennend nickt der Schaffner der Dame zu, die gerade etwas umständlich in der zwischen Leipzig und Döbeln pendelnden Regionalbahn Platz nimmt. Klappfahrräder, im Osten einst sehr verbreitet, sieht man heute nur noch vereinzelt: Hipster in den Städten oder eben Omis haben noch eines. Wie diese hier, die gerade etwas unpassend erwidert: "Ja, ich steige gleich aus!" Der Schaffner und ich lächeln einander an: So schön kann Kommunikation missglücken.

Überhaupt ist die Stimmung gut an diesem Totensonntag: Das Zugpersonal freundlich, die Sonne flutet Grimma, wo ich den Zug verlasse, mit einem goldenen Nachmittagslicht. "Gottlob nur mit Licht!", denkt man sofort. Zu präsent sind die Bilder noch aus dem Jahr 2013, als die "Perle des Muldentals" mit einer desaströsen Hochwasserkatastrophe zu kämpfen hatte. Zum zweiten Mal innerhalb von elf Jahren.

Nahe der imposanten Hängebrücke treffe ich einen, der viel über die unterschiedlichen Gesichter des Flusses erzählen kann: Matthias Berger, seit 17 Jahren Oberbürgermeister Grimmas. Berger ist nicht nur ein lebhafter Gesprächspartner, sondern vor allem der wohl glühendste Anwalt seiner Stadt.

Dafür hätte er vielleicht nicht nach der Wende zwingend nach Konstanz gehen müssen, um Jura zu studieren, aber geschadet habe es ihm nicht, wie er selber hervorhebt. Er habe viel gelernt dort – nicht nur fachlich, auch menschlich. Über das doch unterschiedliche Ticken der Uhren der Menschen in West und Ost. Er sagt das keineswegs abwertend – weder in die eine noch in die andere Richtung. Das umfassende Know-how habe ihm aber geholfen, als er zurückkam. Beim Einschätzen von Situationen zum Beispiel, die in die Zeit fielen, als sich westdeutsche Unternehmen in der Region anzusiedeln begannen. In einer Zeit, als man natürlich auch dort um Sponsorengelder bat – für den örtlichen Fußballverein vielleicht, für ein paar Trikots, um dann nach langen Rücksprachen mit den Verantwortlichen der westdeutschen Firmenzentrale einen Scheck von 100 Euro in den Händen zu halten.

Die Wiedervereinigung des Landes sei für ihn noch immer "das größte Glück" für die Deutschen, so Berger, das Prinzip jedoch, den Osten nur zur "verlängerten Werkbank" des Westens gemacht zu haben, hält er für einen Fehler der Nachwendejahre.

Man merkt rasch: Ständig von Entscheidungen anderer abhängig zu sein, das ist seine Sache nicht.