Batman hat jetzt einen Penis. Für Normalbürger mag das keine Sensation sein. Für Patrick Lafos hingegen schon. Und zwar eine, die das Geschäft befördert. In der Welt der Comicfans gab es tagelang kein anderes Thema. "Ich kann nicht aufhören, über Batmans Penis nachzudenken", schrieb jemand auf Twitter. Andere fragten sich, wer wohl Modell gestanden habe – immerhin ist es ja der Penis eines Superhelden!

Der Penis beeindruckt Patrick Lafos nicht so sehr. Wichtiger für ihn ist, dass seine Kunden schon seit Tagen nach den neuen Batman-Comics fragen. 70 Hefte hat er schon bestellt. Er wird sie alle innerhalb weniger Tage loswerden.

Lafos berichtet von dem Penis, während er im Lagerraum seines Ladens Black Dog Comics steht. In den Regalen stapeln sich Comichefte, an der Wand hängt ein Zettel: "How to Versand" steht da drauf. Seit 2009 ist Lafos selbstständig, damals wurde er zum Miteigentümer des Ladens. Patrick Lafos ist nicht CEO eines Dax-Konzerns, kein glamouröser Manager, er verdient keine Millionen, sondern maximal 45.000 Euro im Jahr. Trotzdem passt Lafos auf diese Seite, weil er etwas für die Gesellschaft leistet: Als Unternehmer sorgt er mit seinem Laden für den Zusammenhalt in seinem Kiez Prenzlauer Berg in Berlin.

Die Kunden kommen in den Laden, obwohl Amazon vieles günstiger verkauft

Heutzutage muss eine Stadt nicht mal, wie beispielsweise Berlin, drei Millionen Einwohner haben, dass von Vereinsamung der dort Lebenden die Rede ist. Menschen wie Patrick Lafos setzen dem etwas entgegen. Sein Laden Black Dog Comics ist ein Ort für Geschichten: für solche, die Comics wie Batman, Spiderman oder Hulk erzählen. Und für solche, die Lafos im Laden von Menschen erzählt bekommt. Menschen, die nicht zwangsweise zu Kunden werden müssen. "Die meisten kenne ich mit Vornamen", sagt er. "Fürs Geschäft ist das teils schlecht: Statt Verkäufer zu spielen, frage ich sie, wie es mit dem Kind in der Kita läuft."

Es sind Formulierungen wie diese, die zeigen, dass der 37-Jährige den Laden nicht nur hat, um sein Konto zu füllen. Der Laden sei sein Lebensmittelpunkt, sagt Lafos. Und an einem solchen Mittelpunkt will man es schön haben. "Wir müssen hier etwas schaffen, wofür die Leute kommen", sagt er. "Der Preis ist es definitiv nicht." Die Kunden wüssten, dass sie bei Amazon vieles billiger bekämen.

Wenn Lafos so hinter dem Tresen steht, der sich gegenüber der Ladentür befindet, dann tut er das auf diese angenehme Art, die Menschen dazu bringt, von sich zu erzählen. Er sagt lieber "dude" als "Mann" und "okelydokely", wenn er mit etwas einverstanden ist. Er erzählt auch gern, zum Beispiel von dem Politikwissenschaftsstudium, das er nicht abschloss, dass er schon in einer Buchhandlung gearbeitet hat und im Antiquariat. Dass er Kapitän seiner Fußballmannschaft war und Schulsprecher, weil er es schon damals mochte, Verantwortung zu übernehmen. Friedrich Nietzsche, Karl Marx, Max Weber, Franz Kafka, all das las er, nur keine Comics. Die Eltern, der Vater ein eher an Technik interessierter Typ, die Mutter Lehrerin, hätten es gern gesehen, wenn der Sohn mit diesen Veranlagungen etwas anderes gemacht hätte, so formuliert Lafos das. Und man merkt, dass der erwachsene Sohn das noch immer glaubt. "Aber es ist auch eine Form der Freiheit, nicht das zu tun, was man könnte, sondern das, was man will."

Wenn Lafos so hinter dem Tresen steht, sieht man auch einen Typ Unternehmer, der einem auf keinem Büroflur und in keinem Konzern begegnet. Ein Typ, der es nicht dorthin schafft und auch nicht schaffen will, weil er sich glattschleifen lassen müsste auf dem Weg. Lebenskünstler werden solche Menschen oft genannt. "Im Studium war ich immer der komische Typ, der zwischen den Stühlen saß", sagt Lafos.

2005, als er für ein Jahr in Großbritannien studierte, fiel ihm zum ersten Mal ein Comic in die Hände, der ihm gefiel: Watchmen. Zurück in Berlin, entdeckte er den Comicladen, der heute seiner ist, und er begann, sich einzuarbeiten – auch, um nicht seine Magisterarbeit schreiben zu müssen. Auf eBay kaufte er Comic-Konvolute und im Laden einzelne Hefte, in der Bücherei suchte er nach Comics. In ihnen lernte er neue Personen kennen, die Hefte eröffneten ihm unbekannte Handlungsorte und eine andere Form des Geschichtenerzählens. Lafos fand Gefallen daran.

Als das ältere Ehepaar, das Black Dog Comics (ihr Hund war schwarz, daher der Name) seit mehr als zwanzig Jahren führte, nach und nach kürzertreten wollte, fragten sie Lafos, ob er nicht ein Drittel des Ladens übernehmen wolle. Er schaute sich Verkaufs- und Umsatzzahlen an und stimmte zu. Die Ablösesumme von 24.000 Euro ist sein vorgezogenes Erbe. Lafos übernahm die selbst gezimmerten Holzregale, die aufs Comicheftformat zurechtgebauten Holzboxen, er übernahm Comics und Sammelkarten und 5000 Kunden. "Ohne diesen Kundenstamm hätte ich den Laden niemals weiterführen können", sagt er. Die anderen zwei Drittel des Geschäfts gingen Jahre später an zwei seiner Bekannten.