Sie geht den steilen Hang hinter dem Haus hoch zum Garten. Mit der einen Hand stützt sie sich auf ihren Stock, mit der anderen trägt sie Eimer, Harke oder Setzlinge. Sie legt Beete an, gräbt Erde um, beschwert sich über die Vögel, die Beeren stibitzen. Der Garten ist gepflegt, links unten sind die Bohnen, dann die Tomaten, rechts der Kohl. Und oben links die Himbeersträucher. Sie trägt eine alte Küchenschürze, wenn es heiß ist, einen Hut und stets einen Rock. Hosen mag sie nicht. Wenn meine Oma den Blick hebt, sieht sie Nadelwälder, grüne Hügel und Wiesen. Den Schwarzwald.

Wenn ich an meine Oma denke, dann sehe ich sie so im Garten arbeiten. Dabei habe ich sie jahrelang kaum gesehen. Direkt nach dem Abitur bin ich weg aus dem Schwarzwald. Studium in Berlin, Hamburg und in Argentinien, Journalistenschule in München, Reisen hier und da.

Dann ist mein Vater gestorben. Ihr Sohn und einziges Kind. Meine Oma und ich waren dabei, als sein Herz zu schlagen aufhörte. Seitdem hat sich ihr Leben sehr verändert. Genauso wie meins.

Als ich klein war, habe ich viel Zeit mit meiner Oma verbracht. Sie holte mich nach der Schule von der Bushaltestelle im Tal ab, nahm mich mit zur Weinlese auf den Hof ihrer Schwester. Als sie einmal Federball mit mir spielte, da war sie um die siebzig, fiel sie hin. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich mich fühlte: eine Enge in der Brust, Angst, ich wollte, dass es ihr gleich wieder gut geht. Wenn meine Eltern nicht da waren, brachte sie mich ins Bett. Wir sprachen gemeinsam ein Gutenachtgebet und das Vaterunser. Dann blieb sie so lange bei mir sitzen, bis ich eingeschlafen war.

Heute ist unser Verhältnis ein anderes. Sie ist 95 Jahre alt und hat abgebaut über die Jahre. Das ist keine Überraschung und doch schmerzt es, dabei zuzusehen. Ich, Jahrgang 1985, will nicht wahrhaben, dass ihr Körper nicht mehr so kann wie früher. Dass sie nicht mehr dieselbe ist. Und ich nicht da bin.

Es ist ein Problem meiner Generation. Und ihrer. Alleinsein, Einsamkeit, das erleben viele Menschen im Alter. Das zeigen Studien immer wieder. Das schlechte Gewissen dagegen ist ein Phänomen meiner Generation, genau wie die Tatsache, dass ich weit weg lebe. Nur gut die Hälfte der Deutschen wohnt noch oder wieder da, wo sie aufgewachsen sind oder zumindest nur wenige Kilometer entfernt. Das hat im vergangenen Jahr die Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ergeben.

Weit weg zu sein, wenn die Eltern oder wie in meinem Fall die Großmutter krank oder einfach nur alt werden, das reibt viele auf. Das Gefühl, die Geschwister mit allem sitzen zu lassen. Ich beobachte das immer wieder bei Freunden und Bekannten. Wir fragen uns: Wie kann man der Familie gerecht werden und wie gleichzeitig sich selbst?

Je mehr meine Oma abbaut, desto mehr Verantwortung haben meine Brüder und ich. Und desto größer wird mein schlechtes Gewissen. 800 Kilometer liegen zwischen uns, ich lebe wieder in Berlin, sie in dem Dorf, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hat. Je mehr sie abbaut, desto häufiger fahre ich diese 800 Kilometer. Mittlerweile alle ein, zwei Monate.

Dann bringe ich sie mit dem Auto ins Tal, um Einkäufe zu erledigen, zum Arzt zu gehen oder zum Friseur. Vor 15 Jahren gab sie den Führerschein ab. Das fiel ihr schwer. Meine Oma war die erste Frau im Dorf, die Auto gefahren ist. Das war in den 1950er-Jahren. Sie fuhr gern, es war ein Stückchen Unabhängigkeit. Sie lebt im Schwarzwald auf einem Hof auf einem Berg, schön idyllisch, aber ohne Auto nicht erreichbar. Schon gar nicht als alte Frau. Sie ist auf andere angewiesen, auch wenn sie keinem zur Last fallen will. Am liebsten würde sie alles ohne Hilfe tun.

Meine Oma ist viel allein. Auch das macht mir ein schlechtes Gewissen. Ich möchte nicht, dass sie sich allein fühlt. Also verbringe ich viel Zeit bei ihr, wenn ich im Schwarzwald bin. Dabei weiß ich nicht mal, ob es einen großen Unterschied macht, wenn ich da bin. Meine Oma sagt manchmal: "Das Alleinsein macht mir nichts aus." Sie sagt es, als sei es unwichtig. Ich nehme ihr das nicht ab. Vielleicht ist das anmaßend. Meine Oma sagt auch: "Du kannst ja nicht immer vor mir sitzen." Trotzdem fühlt es sich immer wieder falsch an, dass ich das nicht tue.

Ich will an zwei Orten gleichzeitig sein. Dass ich das nicht kann, frustriert.