Mañanita heißt auf Mexikanisch "Morgenstündchen" und ist der Name für einen kleinen Poncho, den man sich gleich nach dem Aufstehen in den empfindlich kühlen Morgenstunden umlegt, bevor die Sonne richtig wärmt. Er bedeckt Arme, Brust und Rücken, gerade so, dass man sich nicht erkältet. Ich liebe den Namen wie die Farben, und da die mañanitas in Mexiko an jeder Ecke verkauft werden, hatte ich im Handumdrehen drei, dann fünf, dann sieben – einen für jeden Tag und einer bunter und schöner als der andere. Sie sind von Hand bestickt. Überall sieht man Frauen, die sticken, manchmal auch Männer – nicht nur Peter Handke stickt! Oft werden runde Stickrahmen benutzt, die mich an den Handarbeitsunterricht in der Schule erinnern und meine kläglichen Versuche, mit Kreuzstich ein Taschentuch zu besticken.

In Mexiko ist Textil- und Stickkunst Volkskunst, die Muster berichten von den verschiedenen Landstrichen und Traditionen, von Flora und Fauna, oft auch von den Gefühlen und vom Leben der Stickerinnen. Zumeist sind es die Mütter, die die Muster weitergeben an ihre Töchter, die sie dann auswendig lernen und ohne Vorlage sticken können. In den Tierbildern verschmelzen reale Wesen mit Fabeltieren zu ganz neuen Welten. Während man schwatzt und anderen zuhört, träumt man sich stickend in eine andere Welt und protokolliert gleichzeitig die vergehende Zeit. Mich faszinierte die allgemeine Stickleidenschaft in Mexiko so sehr, dass ich einem alten Mann eine aguja mágica, eine magische Sticknadel, abkaufte, einen Stickrahmen und kleine Knäuel quietschbunter Wolle. Aber ach, die Nadel war nicht magisch, und ich fand mich genau dort wieder, wo ich mit zehn Jahren am Sticken gescheitert war: Die Stiche waren nicht gleichmäßig, der Faden war verdreht, die Spannung im Stoff zu hart oder zu schlapp, die Unterseite sah katastrophal aus. Schnell gab ich auf und freue mich umso mehr an meinen mañanitas, jeden Morgen aufs Neue.