Wenn Michael Stein an die letzten dreieinhalb Jahre mit seiner Mutter denkt, kommt ihm ein erschreckender Satz über die Lippen. "Was ich erlebt habe, das wünsche ich nicht meinem ärgsten Feind." Noch als 82-Jährige habe seine Mutter ihren Haushalt fast allein geregelt, erzählt Stein. Dann sei es ihr rapide schlechter gegangen. Er habe eine Pflegekraft anheuern müssen und seine Mutter jedes Wochenende besucht. "Am Ende habe ich ihr nur noch beim Sterben zugesehen", erzählt Stein. Für die Betreuung habe er monatlich 700 Euro aus dem knappen Familienbudget abgezweigt.

"Meinen Kindern möchte ich das nicht zumuten", sagt der 47-jährige Vertriebsmitarbeiter. Er überlegt nun, eine Pflegeversicherung abzuschließen. Wenn, ja wenn sein guter Freund Klaus Ehrens das nicht für Unsinn hielte. Der ist überzeugt, dass mit dem Begriff Pflegebedürftigkeit viel Angst geschürt und Geld verdient wird. Ehrens ist Betriebswirt, 46 Jahre alt, hat keine Kinder und will so eine Police nicht. "Du bist viel zu vorsichtig!", hält er Stein vor.

Stein und Ehrens heißen in Wirklichkeit anders, im Gespräch haben sie darum gebeten, ihre Namen zu verändern – aus Rücksicht auf ihre Angehörigen. Die beiden sind so uneinig wie der Rest der Republik: Eine Hälfte der Deutschen fürchtet laut einer Studie der R+V Versicherung, im Alter zum Pflegefall zu werden – der anderen Hälfte macht das keine Angst. In jedem Fall treibt das Thema die Menschen um, nicht erst seit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine "Grundsatzdebatte" darüber fordert, "was Pflegeversorgung leisten und wie hoch der Eigenanteil sein soll".

Die Zahl der Pflegefälle wird in Zukunft steigen. Zurzeit sind drei Millionen Pflegebedürftige von Krankenkassen und Statistischem Bundesamt erfasst. Im Jahr 2045, wenn die heute 40- bis 50-Jährigen in Rente gehen, könnten es 4,5 Millionen sein, erwartet das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Andere Prognosen gehen von niedrigeren Zahlen aus. "Was man aber auf jeden Fall weiß: Wer wirklich zum Pflegefall wird, für den wird es teuer", sagt Sascha Straub, Experte für Pflegeversicherungen bei der Verbraucherzentrale Bayern. "Die gesetzliche Pflegeversicherung wird bei jedem eine Lücke aufweisen, insbesondere wenn man ins Heim muss."

Ein Heimplatz kostet hierzulande im Schnitt rund 3500 Euro pro Monat, sagt der jüngste Pflegereport der Barmer Ersatzkassen (BEK). Und nur 2005 Euro zahlt die gesetzliche Kasse im höchsten der fünf Pflegegrade dazu. Bleiben als Eigenleistung also im Schnitt 1500 Euro übrig, wobei man in Sachsen-Anhalt mit 1100 Euro auskommt und in Nordrhein-Westfalen 2250 Euro zuschießen muss.

Pessimisten wie Michael Stein sehen es so: Selbst wenn die Pflegekosten nicht steigen, würden die 1500 Euro im Alter wehtun und nicht nur sein Vermögen aufzehren, sondern womöglich auch das seiner Kinder. Optimisten wie Klaus Ehrens denken anders: Die Differenz ließe sich aus seiner gesetzlichen Rente bestreiten, und bei einer ambulanten Betreuung zu Hause bliebe sogar noch etwas übrig.

Klaus Ehrens findet, das Problem bei Michael Steins Mutter sei ja gewesen, dass ihre Rente nicht gereicht habe und ihr Sohn eingesprungen sei. "Freiwillig", sagt Klaus zu Michael, "hättest du doch vorher mal beim Sozialamt gefragt!" Tatsächlich hätten Stein und seiner Frau zusammen 3240 Euro netto monatlich als Freibetrag zugestanden, mehr, als sie tatsächlich verdienen. Und selbst wenn sie Gutverdiener wären, dürften sie knapp die Hälfte dessen, was netto über die 3240 Euro hinausginge, behalten. Das Sozialamt wäre also für einen Teil der Kosten eingesprungen, hätte Michael das gefordert.

Bei Klaus Ehrens ist die Lage anders: Würden seine Eltern pflegebedürftig, müsste er von seinem Gehalt von etwa 3000 Euro netto 600 Euro abgeben, für Alleinstehende gilt ein Freibetrag von 1800 Euro. Außerdem hat er eine Schwester, die einen kleinen Teil der Kosten tragen müsste. Dann ist da noch das Haus der Eltern, das man zur Not verkaufen könnte, wenn beide ins Pflegeheim müssten. Was Ehrens aber für unwahrscheinlich hält.