Europa? Die Europäische Union? Ist das nicht diese militärisch schwachbrüstige Pseudo-Supermacht? Ist das nicht diese Gemeinschaft innen- wie außenpolitisch permanent überforderter Mitglieder? Ist das nicht diese Ansammlung sich im wahrsten Sinne des Wortes gegenseitig kaum verstehender Nationen, die seit Jahrzehnten keine gemeinsame Wirtschaftspolitik hinbekommen, von einer gemeinsamen Sozialpolitik ganz zu schweigen? Oder beruhen derlei Wahrnehmungen nur auf einem Missverständnis – historisch, politisch, medial?

Zu letzterem Urteil könnte man nach der Lektüre von Kiran Klaus Patel gelangen. Der Professor für Europäische und Globale Geschichte und Inhaber des Jean-Monnet-Lehrstuhls für Geschichte an der Universität Maastricht beschreibt den Werdegang des "Projekts Europa" aus einer Perspektive, die mit Blick auf die Masse der Europa-Bücher der letzten Jahre zunächst überrascht: Nicht wie dort die aktuellen Krisen der EU – rund um Brexit, die Haushaltspolitik Frankreichs, Griechenlands und nun Italiens oder das Dauerstreitthema Zuwanderung – stehen bei Patel im Fokus, sondern all die anderen Krisen zuvor. Sie dienen ihm gleichsam als Kronzeugen für sein Plädoyer: Die Krise ist in der Geschichte der Europäischen Union nicht die Ausnahme, sondern die Regel – und dies zum eigenen Vorteil. Denn bislang ging die EU aus jeder ihrer Krisen gestärkt hervor.

Patel nimmt den Aufbau der klassischen proeuropäischen Sonntagsrede aufs Korn. Dort spiegelt sich seiner Beobachtung nach ein Selbstbild der EU, das strahlender nicht sein könnte. Und in der Tat fallen dann meist Schlagworte wie europäische Friedensstiftung, Wirtschaftswachstum, ein zusammenwachsendes Europa. Derlei politische Zustandsbeschreibungen suggerieren – gewollt oder ungewollt – oft, die Vorläuferorganisationen der EU hätten all dies ganz aus sich heraus und nahezu zwangsläufig geschaffen.

Diese Standarderzählung hinterfragt Patel nicht nur wohltuend. Er verdeutlicht auch zu Recht, dass dieses überzogene Selbstbild der Pro-Europäer ihnen schadet, da es das weit über ihre Kreise hinausreichende Krisenempfinden innerhalb wie außerhalb der EU unnötig verschärft, weil heute für neu und bedrohlich gehalten wird, was es immer schon gegeben hat. Zwar bewegt sich Europa derzeit – wieder einmal – im Krisenmodus. Aber ist die EU nach Jahrzehnten des Erfolgs nun wirklich zum ersten Mal in ihrer Existenz bedroht? Ist ihre heutige Situation derart außergewöhnlich?

Patel erinnert daran, wie krisenhaft die Geschichte der europäischen Integration bereits im Kalten Krieg verlief. Die schwersten Krisenjahre erscheinen im Rückblick des Historikers als Zeit des Auf- und Umbruchs, aus der Europa auch nach Patels Lesart am Ende gestärkt hervorging. Hier allerdings trifft sich seine Deutung der jüngeren europäischen Geschichte mit der Deutung der Geschichte in den von ihm aufs Korn genommenen Sonntagsreden von Pro-Europäern. Gemeinsam scheint ihnen, Krisen immer auch als Chance zu begreifen.

Gerade weil Patel nicht zuletzt die schweren Prüfungen der EG in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren in Erinnerung ruft, wird noch einmal nacherlebbar, wie zugleich produktiv und prägend diese Krisenzeiten für die europäische Zukunft waren. Einen vorgefassten Plan, wie der Probleme Herr zu werden war, gab es auch damals nicht. Doch genau dies versetzte das Projekt Europa in die Lage, wie Patel analysiert, sich neuen Herausforderungen und Möglichkeiten anzupassen. Zwar wiederholt sich Geschichte bekanntlich nicht. Aber dafür ist sie immer offen. Auch dies lehrt Patel. Es ist nicht die schlechteste Lehre für ein Europa, das anscheinend schon immer Krisen für sein Überleben brauchte.

Kiran Klaus Patel: Projekt Europa. C. H. Beck Verlag, München 2018; 463 S., 29,95 €