Hin und wieder fragt sich Wienhold Weber, den wegen seiner runden Brille alle nur Pastor nennen, wo er denn bleibt, der Tod. Es ist nicht so, dass er sich wünscht zu sterben. Doch er weiß: Langsam wäre es mal an der Zeit. Der Tod, das ist dem 56-Jährigen mittlerweile klar, kommt langsam. Er trottet neben ihm her, ein stummer Schatten. Und wenn wieder einer seiner ehemaligen Kollegen stirbt, dann schießt ihm die immer gleiche Frage durch den Kopf: Pastor, wann bist du dran?

Die Liste, die Pastor seit 17 Jahren führt, ist mittlerweile 137 Namen lang. Namen, die er Tag für Tag im Blick hat. Die zeigen, wie sehr das Quecksilber Leben zerstört hat. Die Liste ist sein Zeuge. Drei Seiten. An Tagen, an denen es ihm gut geht, ist seine Schrift leserlich. An anderen eher ein wildes Gekritzel. Seine Hände zittern dann. Einen Computer hatte er nie. Manchmal sitzt er an seinem selbst gebauten Schreibtisch, die helle Holzplatte aus Fichte vor sich, darauf die Zettel, auf denen er neue Linien zieht. Drei Seiten, 137 Zeilen. 137 Tote.

Peter S., Fachbereich "Intensivierung", gestorben mit 50 Jahren.

Ernst K., Ingenieur, gestorben mit 50 Jahren.

Detlef M., Fachbereich "Sondenbehandlung", gestorben mit 37 Jahren.

In der DDR arbeiteten sie auf den Erdgasfeldern in der Altmark im Norden Sachsen-Anhalts, sorgten dafür, dass das Gas von Salzwedel bis nach Rostock floss. VEB Erdgasförderung Salzwedel. Pastor und die anderen. Sie waren wichtig.

1978 fing Pastor mit seiner Ausbildung an. 16 Jahre alt war er da, kontrollierte und reparierte die Anlagen. Doch schon damals fielen dem jungen Pastor die Wannen voller Quecksilber auf, die überall herumstanden. Abfall, der zusammen mit dem Erdgas an die Oberfläche gepumpt wurde. Der Geschmack von Metall auf der Zunge. Schutzmaßnahmen gab es wenige. Die Anzüge, die sie trugen, reichten nicht. Auch die Umkleideräume waren belastet. Pastor wusste, dass das nicht gut sein konnte. Aber es half ja nichts. Sie arbeiteten zum Wohle der Deutschen Demokratischen Republik. Bis die Mauer fiel, Arbeitsplätze abgebaut wurden und ihr Kampf begann. Gegen die Behörden, gegen die Berufsgenossenschaft und gegen den Tod. Geld sollten sie keines bekommen. Den Kampf hat Pastor aufgegeben. Er muss sich konzentrieren. Darauf, nicht zu sterben.

Tagebucheintrag vom 13. Oktober 2000, 18.45 Uhr:

Ich bin 38 Jahre alt und stelle mir die Frage: Wie viel Zeit bleibt mir noch? Mein Gesundheitszustand hat sich in den letzten Jahren sehr verschlechtert. Nach den Tests hatte ich noch ein langes Gespräch mit der Ärztin. Dieses Gespräch ist der Anlass, Tagebuch zu führen und eine medizinische Dokumentation über eine Schwermetallvergiftung zu erarbeiten. Ich habe kalte Füße, Zittern, ich habe Schwierigkeiten.

Immer wieder ließ er Proben nehmen. Urin, Fingernägel, die Ergebnisse waren stets eindeutig. In einem ärztlichen Bericht aus dem Jahr 2016 steht: "In der Nagelprobe deutlicher Nachweis von Quecksilber und Blei." Er weiß, dass er für immer unter den Folgen leiden wird. Seine Fingerkuppen sind aufgeplatzt, er hat Zähne verloren, die Nieren arbeiten nicht mehr richtig, er kann sich kaum noch Dinge merken.

Einmal, ein Tag eigentlich wie jeder andere, sei ihm Speichel aus dem Mund geflossen. Immer mehr. Er konnte ihn nicht zurückhalten. Eine ganze Salatschüssel voll, ohne dass er es kontrollieren konnte. Er griff zum Zwieback, um die Flüssigkeit zu binden. Angst breitete sich aus. Was ist nur los, Pastor?

Akute Quecksilbervergiftungen, die zum sofortigen Tod führen, gibt es selten. Die chronische Vergiftung deutlich häufiger. Das Schwermetall setzt sich in den Organen fest, Nieren, Leber, Gehirn. Und es bleibt dort jahrelang. Die Betroffenen fühlen sich zunächst nur abgeschlagen. Später kommen andere Symptome hinzu. Zahnfleischentzündungen, Gemütsschwankungen, Organschäden. Das Krebsrisiko erhöht sich. Die Lebenserwartung verringert sich deutlich. Ein normales Leben können Betroffene kaum noch führen.

2001 hörte Pastor von einer Selbsthilfegruppe, die ein ehemaliger Kollege ins Leben gerufen hatte. Er ging hin. Ein wenig war es wie früher, sie, die Kameraden, halten zusammen. Sie nannten ihn wieder beim Spitznamen – so wie früher.

Pastor fühlte sich wohl in dieser Runde, nicht so allein mit all den Problemen. Und er brachte diese Idee einer Liste mit, auf der alle zu früh gestorbenen Kollegen stehen sollten. Damals sammelten sie gemeinsam 44 Namen. Weitere folgten in den Jahren danach.

Auf einem Foto in der Lokalzeitung zeigt Pastor damals seine Liste. Ernst sieht er aus. Ein wenig so, als halte er einen Fahndungsaufruf in der Hand. Haben wir jemanden vergessen?