DIE ZEIT: Mit der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung vor 20 Jahren hat sich die Bundesregierung verpflichtet, die Museen nach NS-Raubkunst zu durchsuchen und diese zurückzugeben oder die Eigentümer zu entschädigen. Ist seither genug geschehen?

Matthias Weller: Es ist eine Menge geschehen. Die deutschen Museen haben viel in die Provenienzforschung investiert und darauf basierend zahlreiche Werke restituiert. Abgeschlossen ist dieser Prozess aber noch nicht.

ZEIT: Was muss noch getan werden?

Weller: Problematisch für Deutschland ist, dass wir nicht genau sagen können, wie viele Werke aufgrund der Washingtoner Erklärung restituiert oder untersucht wurden. Es fehlt eine zentrale Buchführung. Andere Länder haben hierzu Jahresberichte. Das sollte auch hierzulande eingeführt werden und auch für die Vergangenheit nachvollzogen werden.

ZEIT: Inwieweit wäre dies auch aus juristischer Sicht wichtig?

Weller: Deutschland hat vor 15 Jahren im Rahmen der Washingtoner Erklärung ein alternatives Verfahren eingeführt, mit dem Streits beigelegt werden sollen. In den Niederlanden, Österreich, Frankreich und Großbritannien existieren ähnliche Einrichtungen, die jeweils nicht bindende Empfehlungen bezüglich einer möglichen Rückgabe in einem konkreten Fall abgeben. Es zeigt sich, dass nicht immer alle gleicher Meinung sind. Daher brauchen wir eine Gesamtdarstellung der bisherigen Empfehlungen, um diese miteinander vergleichen zu können. Nur so können wir bei immer mehr Fällen faire Lösungen finden. Außerdem lassen sich so wiederkehrende Streitfragen besser verstehen und einordnen.

ZEIT: Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Weller: Nehmen wir die erste Empfehlung der deutschen Beratenden Kommission. Es ging um Bilder aus der Sammlung Julius Freund, darunter eine Zeichnung von Anselm Feuerbach. Es handelte sich um sogenanntes Fluchtgut, das Verfolgte, die bereits in der Schweiz in Sicherheit waren, versteigerten, weil sie Geld brauchten. Die Beratende Kommission empfahl die Restitution, eine Begründung wurde dafür nicht angegeben. Man kann vermuten, dass der Zusammenhang zwischen Verfolgung und späterer Versteigerung – wenn auch im sicheren Ausland – für ausreichend gehalten wurde, um die Werke zurückzugeben. Die meisten anderen Kommissionen sehen das anders. Vor ein paar Jahren hat dann auch die deutsche Kommission einmal restriktiver entschieden. Es ging um die Arbeit Drei Grazien von Lovis Corinth aus dem Besitz von Clara Levy, ebenfalls Fluchtgut, das in New York versteigert wurde. Man muss vor diesem Hintergrund zum einen fragen: Ist ein Konsens im Umgang mit Fluchtgut möglich? Es ist unbefriedigend, dass im einen Fall so, im anderen anders entschieden wurde. Ich halte nichts von der These, dass bei jedwedem Bezug zum Nationalsozialismus die Werke immer zurückzugeben sind. Das wäre keine Gerechtigkeit, die liegt gerade in der Differenzierung.