Im Jahr 2012 bekam ich es mit den "Reportern ohne Grenzen" hautnah zu tun. Kurz vor Weihnachten kam ein Anruf, ob es möglich sei, einen verfolgten usbekischen Journalisten mit Familie vorübergehend privat bei uns unterzubringen. Sie hätten in einem Raum monatelang auf Asyl warten müssen. Wenige Tage später standen die Flüchtlinge vor der Tür: Vater, Mutter, vier Kinder – ausgeflogen aus Taschkent, nur mit dem, was sie am Leibe trugen. Der Vater Malik hatte es gewagt, als Radioreporter für den ausländischen Sender Voice of America usbekische Landsleute zu interviewen, die regelmäßig die Grenze zu Kasachstan passierten, weil sie dort mehr verdienten. Durch diese "unpatriotische" Berichterstattung hatte Malik den Zorn der Behörden auf sich gezogen. Es stand zu befürchten, dass er zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt werden würde. Die Reporter ohne Grenzen flogen ihn aus.

Verfolgte Reporter im Ausland in Sicherheit bringen, auch das macht die Organisation – wenn deren Leben in Gefahr ist. Den Großteil ihrer Arbeit leistet sie aber in den Herkunftsländern. Wo repressive Regierungen Journalisten misshandeln oder Kameras zerstören, da schlagen die Reporter ohne Grenzen Alarm, zahlen das Krankenhaus oder neues Equipment. Mit ihrem jährlich veröffentlichten Index zum weltweiten Stand der Pressefreiheit verschaffen sie allen ein Bild davon, wie es um den Zugang zu Informationen bestellt ist. Nothelfer und Frühwarnsystem: Die Reporter ohne Grenzen sind beides.

Dass sich die Jury des Dönhoff-Preises entschieden hat, 2018 die NGO Reporter ohne Grenzen mit dem Förderpreis auszuzeichnen, ist ein Statement. Der freie Journalismus ist nicht nur in Diktaturen wie Usbekistan, sondern weltweit unter Druck. Reportersein ist mehr denn je eine lebensgefährliche Aufgabe. Allein in den ersten zehn Monaten dieses Jahres ließen weltweit 75 Journalisten aufgrund ihrer kritischen Berichterstattung ihr Leben. Die Reporter ohne Grenzen veröffentlichten sämtliche Namen.

Die meisten starben in Asien, Südamerika oder Afrika – doch auch im Westen wächst der Hass auf die freie Presse: Im Februar wurde Ján Kuciak in der Slowakei erschossen, er war mafiösen Machenschaften auf der Spur. Kurz zuvor war Daphne Caruana Galizia auf Malta durch eine Autobombe umgekommen. Sie hatte über Korruption in der maltesischen Regierung recherchiert.

Selbst in den USA – dem Land der investigativen Recherche, des Modells einer im Sinne der Demokratie funktionierenden Presse – wendet sich das Blatt: In Annapolis drang im Juni ein Amokschütze in das Verlagsgebäude der Capital Gazette ein und eröffnete das Feuer, fünf Menschen starben. Der Angriff fällt in eine Zeit, in der das gesellschaftliche Klima Amerikas vergiftet wird. Journalisten werden bedroht und öffentlich angefeindet. Donald Trump macht Stimmung gegen Medienvertreter und bezeichnet sie als "Feinde des amerikanischen Volkes". Er ist auch der erste amerikanische Präsident, der einen akkreditierten Reporter wegen "unanständigen Verhaltens" aus dem Weißen Haus verbannte, weil ihm dessen Fragen auf einer Pressekonferenz nicht gefielen. Die Einschüchterung von Reportern ist also nicht länger nur eine Maßnahme russischer und chinesischer Staatschefs, sondern jetzt auch in den USA an der Tagesordnung.

Und Deutschland? Auch hier hat es die freie Presse schwer. Rechtspopulisten versuchen Journalisten herabzusetzen und von Versammlungen fernzuhalten. In einer europaweiten Anstrengung stellen sie außerdem die Daseinsberechtigung der öffentlich-rechtlichen Sender permanent infrage und damit ein unabhängiges Mediensystem, das allein den Bürgern gehört. Der Geheimdienst versucht auch in Deutschland, investigative Reporter zu bespitzeln. Es wird daher Zeit, durch eine öffentliche Ehrung ihrer Hüter lauthals Partei zu ergreifen für die großartige Idee der freien Presse. Und für Artikel 5 des Grundgesetzes. Die Pressefreiheit wird derzeit wenig wertgeschätzt, ja mit Füßen getreten – obwohl doch keine Demokratie ohne sie zu existieren vermag. Wer die freie Presse angreift, greift die Demokratie selber an.

Die Familie des Journalisten Malik aus Usbekistan lebt heute übrigens gut integriert in Bremen. Nur die älteste Tochter Zumrad, 23, lebt noch bei uns. Sie hat ein unbefristetes Aufenthaltsrecht, macht gerade eine Ausbildung und will dann studieren. Sie ist eine junge Europäerin mit einer Zukunft in einem freien Land. Das hat sie den Reportern ohne Grenzen zu verdanken.