DIE ZEIT: Die Franzosen gehen in der Restitutionsfrage mit großen Schritten voran, hinkt Deutschland hinterher?

Carsten Brosda: Die Franzosen haben als Zentralstaat die Möglichkeit, mit einer Entscheidung das ganze Land zu verändern, im föderalen Deutschland brauchen diese Prozesse aus guten Gründen etwas länger. Wir haben aber im Koalitionsvertrag der großen Koalition auf Bundesebene die Aufarbeitung des Kolonialismus erstmals als Themenfeld festgeschrieben, und wir haben vor wenigen Wochen vereinbart, bis zum nächsten Frühjahr zu einer gemeinsamen politischen Positionierung von Bund und Ländern zu kommen, die auch eine postkoloniale Erinnerungskultur umfasst.

ZEIT: Sollte Frankreich als Vorbild dienen?

Brosda: Wir müssen eigentlich weiter gehen. Die klare Anerkennung, dass wir zu Unrecht im Besitz von bestimmten Objekten sind und dass wir in diesen Fällen selbstverständlich restituieren, markiert den Anfang.

ZEIT: Aber das ist doch schon die offizielle Position der Bundesregierung: Wenn durch Provenienzforschung erwiesen ist, dass es sich um Raubgut handelt, wird restituiert.

Brosda: Wir wissen alle, wie schwierig Provenienzfragen bei kolonialem Kulturgut sind. Wir müssen also einen klugen Weg finden, wie ihn die Franzosen mit ihrer Beweislastumkehr jetzt sehr schneidig formuliert haben. Es wird nicht in jedem Fall möglich sein, erst eine lupenreine Provenienz nachzuweisen, um dann zu restituieren. Zuallererst aber müssen wir überhaupt die Zugänge zu dem, was bei uns vorhanden ist, öffnen. Meistens gibt es nur Inventarlisten, mit denen in den Herkunftsgesellschaften niemand arbeiten kann. Deshalb ist die Digitalisierung der Bestände so wichtig, um Transparenz zu schaffen. Wenn man dann feststellt, dass da Sachen dabei sind, die nicht hierhergehören, dann muss man darüber auch vernünftig und auf Augenhöhe miteinander reden ...

ZEIT: Was heißt denn auf Augenhöhe miteinander reden? Meist ist dann von Leihgaben die Rede. Wenn ein Objekt aber Raubkunst ist, wie kann man es dann auf Augenhöhe ausleihen?

Brosda: Wir erleben es immer wieder, dass der Rechtsstaat eine Restitutionsoption noch nicht hergibt, weil die Möglichkeit fehlt, eindeutig festzustellen, wem etwas gehört. So etwas braucht man aber, um das Eigentum aufheben zu können. Dann war es die alte Position, zu sagen: Wir machen jetzt nichts, bis sich der Rechtsrahmen geändert hat, und dann machen wir es richtig! Wir können aber auch sagen: Wir machen schon mal das, was geht, und stellen in einem ersten Schritt die Sichtbarkeit von Objekten für die Herkunftsgesellschaften sicher, während wir parallel den rechtlichen Rahmen verändern.

ZEIT: Was bleibt noch zu tun?

Brosda: Restitution ist der notwendige erste Schritt eines langen Weges. Es kann nicht das Ziel sein, dass jetzt jeder seinen Keller aufräumt und wieder nur sein eigenes Erbe reinpackt. Wir brauchen eine universelle Perspektive, bei der Objekte aus aller Welt überall in der Welt gezeigt werden.

ZEIT: Aber die Entwicklung von museumspolitisch globalen Lösungen ist doch etwas ganz anderes als die Klärung von Eigentumsansprüchen! Das ist eine historisch-moralische Selbstkorrektur, die nicht durch wandernde Objekte oder Wechselausstellungen aufgefangen werden kann.

Brosda: Ich will universelle Kulturbeziehungen möglich machen, und das geht auf Dauer nur, indem wir den Schritt der Restitution gehen.

ZEIT: Was heißt das für die Benin-Bronzen, die bei einer Strafexpedition geraubt wurden?

Brosda: Hamburg war ehemals eine der Drehscheiben dafür, dass die Bronzen auf den europäischen Markt kamen. Wir haben einige im Museum für Kunst und Gewerbe und haben sie als Raubkunst gekennzeichnet. Das politische Ziel ist ganz klar die Restitution dieser Bronzen. Dafür brauchen wir einen Beschluss der Hamburgischen Bürgerschaft. Und die Frage ist: Machen wir das als einmaligen Symbolbeschluss, oder gelingt auch eine politische Positionierung der gesamten Bundesrepublik? Denn es wäre nicht plausibel, dass Benin-Bronzen aus Hamburg zurückgehen, aus anderen Bundesländern aber nicht.