Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine meldet sich zurück. Er war nie ganz befriedet, aber weil in der Ostukraine mittlerweile weniger Menschen sterben als noch vor drei Jahren, ist irgendwann die Gewöhnung eingetreten. Nun kehrt das Verdrängte an einem neuen Schauplatz zurück: im Asowschen Meer zwischen Russland und der Ukraine.

Am Sonntag rammte und beschoss ein Schiff der russischen Küstenwache drei Boote der ukrainischen Marine, als diese durch die Straße von Kertsch aus dem Schwarzen Meer in das Asowsche Meer passieren wollten. Der russische Grenzschutz setzte die Boote fest, hält seither 23 ukrainische Seeleute gefangen, veröffentlicht Videoaufnahmen mit Selbstbezichtigungen, die wie abgelesen wirken, und macht ihnen auf der Krim den Prozess.

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Der Kreml spricht von einer ukrainischen Provokation: Die Ukraine habe die Durchreise der Kriegsschiffe nicht gemeldet, man habe sie gewarnt, trotzdem seien die Schiffe in russische Hoheitsgewässer eingedrungen und hätten damit gegen das UN-Seerechtsübereinkommen verstoßen. Die Ukrainer sprechen von einer "Gangster-Attacke" der Russen und verhängen zum ersten Mal seit ihrer Unabhängigkeit das Kriegsrecht – immerhin in nur zehn Regionen und nur für 30 Tage. Nicht, wie der ukrainische Präsident gefordert hatte, für zwei Monate. Die Nato erklärt ihre Solidarität mit der Ukraine, in Amerika fordern die Ersten eine Aufrüstung im Asowschen Meer. Dieser militärische Vorfall offenbart, dass die Versuche, die russische Annexion der Krim als politische Normalität zu akzeptieren, zum Scheitern verurteilt sind. Ein Krieg in Europa, der nicht befriedet wird, kann jederzeit wieder aufflammen.

Die Entwicklung im Asowschen Meer kam nicht überraschend. Das Binnenmeer ist für die Ukraine enorm wichtig. Es ist über eine Meerenge, die Straße von Kertsch, mit dem Schwarzen Meer verbunden. Über das Asowsche Meer betreibt die Ukraine unter anderem Handel mit der Türkei. Weil es seit einem ukrainisch-russischen Abkommen von 2004 als gemeinsames Gewässer gilt, sind die Staatsgrenzen in diesem Meer nicht definiert, sprich Kriegs- und Handelsschiffe beider Länder dürfen es frei befahren. Das Abkommen haben Wladimir Putin und der damalige ukrainische Präsident Leonid Kutschma unterzeichnet, als man noch von "zwei historisch verbrüderten Nationen" sprach. Die einvernehmliche Regelung hielt, bis Russland 2014 die Krim annektierte und ein Jahr später mit dem Bau einer Brücke begann, die heute das russische Festland mit der Krim verbindet. Bevor das Milliardenprojekt im Mai fertig wurde, setzte der ukrainische Grenzschutz im Asowschen Meer ein russisches Fischerboot fest und verhaftete die Mannschaft – die russische Seite reagierte kurz darauf ihrerseits mit der Festnahme ukrainischer Seeleute.

Paradoxerweise stärkte die Annexion der Krim zunächst andere Häfen ukrainischer Küstenstädte: Internationale Schiffe passierten nun die Straße von Kertsch und fuhren Mariupol oder Berdjansk an. Wer diese Meerenge beherrscht, kontrolliert auch das Asowsche Meer. Russland will sich diese Macht sichern.

Im Mai dieses Jahres weihte Wladimir Putin die gigantische Brücke von Kertsch ein. Weil die Brücke nur 35 Meter hoch ist, können keine großen Frachter mehr passieren, die hier zuvor mehr als 20 Prozent des gesamten Verkehrs in dem Gewässer ausgemacht haben. Schiffe, die noch passieren können, werden immer wieder vom russischen Grenzschutz aufgehalten und bisweilen tagelangen Kontrollen unterzogen. Gelegentlich wird die Straße von Kertsch gänzlich gesperrt. Den Preis zahlen Handelsunternehmen und Häfen der ohnehin kriegsgebeutelten Ukraine. Der ukrainische Infrastrukturminister spricht bereits von Verlusten von mehr als 20 Millionen Euro seit Fertigstellung von Putins Prestigeprojekt. Sollten die Russen das Asowsche Meer ganz beherrschen, würde die Ukraine die Kontrolle über etwa die Hälfte seiner Küstenlinie verlieren. Russland verstärkt seine militärische Präsenz – zur Sicherheit der neu gebauten Brücke, die ein Ziel terroristischer Attacken sein könnte, wie es heißt. Seit der Annexion der Krim nähert sich Russland immer weiter dem ukrainischen Festland. Kiew kann dabei nur zuschauen: Eine Konfrontation zu Wasser könnte die Ukraine mit ihrer Seeflotte, die durch die Krim-Annexion stark dezimiert wurde, nur verlieren.